Bayern 2 - radioWelt


0

Ende der Welt - Die tägliche Glosse Tricky - Impressionen vom Flohmarkt

Man steht verdammt früh auf. Packt das gesamte Wochenende vorher und mistet stundenlang aus. Wofür? Nur, um sich mit Billigheimern rumzuärgern und am Ende selbst einem Kaufrausch zu erliegen. Katharina Hübel hat es noch nicht so ganz raus – die richtige Taktik für den Flohmarkt.

Von: Katharina Hübel

Stand: 27.05.2019

Fünf Uhr fünfundfünfzig in der Früh. Es dämmert über dem Riesenrad. Mein erster Flohmarkt. Drei Meter Ware auf einem wackligen Tapeziertisch, voll mit Plunder. Suppenterrinen – die schwäbische Hausfrau hat sowas. Aber ich? Seit zehn Jahren nicht benutzt. Dampfkochtopf. Dasselbe Schicksal. Schicke Schuhe – in die keine orthopädischen Einlagen der Welt passen. Ein klebriges Radio. Das aber noch prima funktioniert. Was man halt so zu Hause rumliegen hat.

Frei nach der japanischen Entrümpelungskünstlerin Marie Condo: Weg mit dem, was Dich nicht glücklich macht, soll mein neues entspecktes Leben hier beginnen. Mitten im schmutzigen Kies. Um mich herum: Nur Flohmarkt-Verkauf-Vollprofis. Ausgerüstet mit Zelten, stabilen Tischen, Sitzgelegenheiten. Ich nestle an meinem geliehenen fleckigen Tisch, der auf der einen Seite immer wegsackt wie der lahme Flügel einer angeschossenen Ente. Perfekte Rutschbahn für das 24-teilige Geschirrset aus Studentenzeiten – fast ohne Macken – und zeitlos…mmmh…farblos. Also unaufdringlich. Sagen wir: Es stört nicht.

„Modeschmuck? Elektronik? Games?“ Bevor ein vernünftiger Mensch auch nur gefrühstückt und aus dem Haus gegangen ist, kommen sie: Die Aufkaufer. Sie kommen mit großen Ikeataschen oder Trollys. Sie wollen das, was Geld bringt, möglichst als erste, billig und dann mit großer Gewinnspanne selbst weiterverkaufen. Aber das bekomme ich erst später mit.

Jetzt: Ahnungslos und erstaunt über die ersten so zeitigen Kunden, falle ich voll drauf rein. Und freue mich, dass ich ein paar Euro mit einem alten Tablet, dessen Hersteller keiner kennt, verdient habe. „Du kommst in den Himmel, bist so schön!“ Ein Mann mit Zahnlücke glaubt, jetzt schenke ich ihm meine Töpfe. „Drei Euro“ verhandle ich hart. Der Zahnlückenmann steckt ungefragt meinen Topf zu den zwanzig anderen Töpfen, die er bereits an anderen Ständen erbeutet hat, legt einen Euro auf den Tapeziertisch und geht.

Es ist die magische Psycho-Grenze: Sie, die man nicht einfordern darf!

Und dann kommen die echten Kunden. Das sind so Aliens, die ihre Sehorgane nicht im Kopf sitzen haben, sondern in den Fingern. Damit krabbeln sie auf der Ware rum, befummeln sie, betatschen sie, quetschen und zerren an ihr. Und wenn sie fertig „geschaut“ haben, werfen sie das Objekt der Nicht-Begierde achtlos und angedadscht zurück.

Irgendwann habe ich Fußschmerzen vom Stehen, bin es satt, alles ständig neu zu arrangieren und sauber zu wischen, bin es leid, mit jedem zweiten um fünfzig Cents zu verhandeln und werde stur. Fünf Euro für die Thermoskanne! Es ist die magische Psycho-Grenze: Sie, die man nicht einfordern darf! Böse Dinge werden sonst geschehen. Wie: Ich kann die Thermoskanne am Ende wieder mit nach Hause nehmen. Und nachdem ich sechs Stunden auf den Stand gegenüber gestarrt hatte und eine Art Gehirnwäsche einsetzte, bin ich in einem Trotzanfall rüber und hab meinen ganzen Verdienst in einem einzigen Kaufrausch gnadenlos auf den Kopf gehauen. Mann, tat das gut! Und jetzt hab ich wieder die Taschen voll für den nächsten Flohmarkt.


0