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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Tatsächlich!?

Tatsächlich hat sich wie eine Wortseuche exponentiell verbreitet. Die Infizierten streuen es in jeden Satz. Leute, die schneller sprechen als denken können, verwenden es als modisches Füllwort. Tatsächlich ist das neue Äähh. Eine Glosse von Gabi Kautzmann.

Von: Gabi Kautzmann

Stand: 04.08.2020

„Ich hab tatsächlich gestern ein Eis gegessen. Und dafür tatsächlich eine Viertelstunde angestanden vor der Eisdiele, weil die tatsächlich handgemachtes Eis haben ...“

Wer bei einem solchen Erlebnisbericht jetzt ironisch „ECHT?“ fragt, outet sich gleich als Babyboomer und damit aus Sicht der Generation „Tatsächlich“ als alt. Ich darf das sagen, als Babyboomerin. Da outet mich schon mein Vorname. In der einen Klasse gab es drei Gabis. Naja, Schwamm drüber. Die Lisas, Lenas und Tobis sagen „tatsächlich“. Warum, weiß kein Mensch.

Tatsächlich hat sich das Tatsächlich wie eine Wortseuche exponentiell verbreitet. Da kann Corona tatsächlich einpacken. Die Infizierten verwenden Tatsächlich tatsächlich selten als Gegensatz zu „vermeintlich“ oder „scheinbar“, wie es der Duden vorsieht. Sie verbreiten es tatsächlich mit jedem Satz weiter. Ob in Aerosolen oder in veganer Verpackung, ist tatsächlich noch Gegenstand der Forschung.

Linguisten sprechen tatsächlich von einem „Modalpartikel“, einem Wort, das die Einstellung des Sprechenden ausdrücken soll. Oft bleibt diese Einstellung aber tatsächlich im Vagen, außer vielleicht einer leichten Rechthaberei, wobei die Banalität des Kontexts hierzu tatsächlich selten Anlass gibt. Allenfalls könnte eine gewisse Wichtigtuerei der Insta-Generation hier tatsächlich ihren sprachlichen Widerhall finden.

Woher die Seuche einst kam, ist tatsächlich ungeklärt. Ein chinesischer Wildtiermarkt wird von Experten tatsächlich nahezu ausgeschlossen, vor allem weil Chinesen Tatsächlich tatsächlich nur mit Mühe aussprechen können. Vielmehr konzentriert sich die Forschung tatsächlich gegenwärtig auf Deutschland und besonders auf das bildungsnahe Milieu, wo Tatsächlich tatsächlich eher als ein modisches Füllwort gebraucht wird. Leute, die tatsächlich schneller sprechen als denken können, benötigen tatsächlich gelegentlich einige Millisekunden für die nächste serielle Wortfindung, wobei sie das bewährte „Ähhhh“ zu umgehen versuchen, um sich tatsächlich wenigstens sprachlich von ihren Eltern zu unterscheiden.

In ersten Studien ist deswegen versucht worden, Tatsächlich auf eine Schwarze Liste der Füllwörter zu setzen

Abstandsregeln und Mund-Nase-Bedeckungen haben sich gegen die Tatsächlich-Seuche tatsächlich bisher nicht bewährt, im Gegenteil. Die hierdurch geförderte Kommunikation im Netz befördert die weitere Verbreitung. In ersten Studien ist deswegen versucht worden, Tatsächlich auf eine Schwarze Liste der Füllwörter zu setzen. Damit soll es auch älteren Lehrkräften ermöglicht werden, tatsächlich ohne Tatsächlich-Warn-App und die neueste Smartphone-Generation beim Kontakt mit Tatsächlich-Infizierten gewarnt zu werden. Wirklich.


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