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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Stonehenge in Wunsiedel

Kommst Du nicht raus in die Welt, kommt die Welt halt zu Dir. Eine Glosse von Roland Söker.

Von: Roland Söker

Stand: 23.02.2021

Das Prinzip „Copy-and-Paste“ ist bekanntlich nicht nur bei der Anfertigung von Doktorarbeiten sehr beliebt, sondern schon lange auch im Tourismus. In Freizeitparks locken Miniatur-Kopien berühmter Bauwerke die Menschen an und in China steht sogar ein Nachbau der pittoresken österreichischen Gemeinde Hallstatt, wenn gleich ohne das dazugehörige Dachstein-Massiv. Trotz dieses Defizits darf man vermuten, dass in Corona-Zeiten mehr Asiaten die Kopie besucht haben als das Original. Und daher muss sich auch der hiesige Tourismus Gedanken machen, wie man in Zeiten geschlossener Grenzen und verhinderter Fernreisen sein Heimatportfolio um exotische touristische Attraktionen ergänzt. Und da bietet sich Copy-and-Paste geradezu an.

Die findige oberfränkische Kreisstadt Wunsiedel, die sich mit ihrem Felsenlabyrinth auf dicke Brocken gut versteht, plant daher allen Ernstes, eine Kopie des mystischen Steinkreises „Stonehenge“ aufzustellen.

Der Bürgermeister hat das Projekt schon „Wunhenge“ getauft – mir persönlich würde ja „Stonesiedel“ besser gefallen. Anyway, mindestens 100.000 Touristen soll die Attraktion jährlich anlocken. Die Megalithen werden übrigens nicht aus regionalen Felsen gehauen sondern aus profanem Beton gegossen. Ob sich die Mystik des Originals von Wiltshire auf diese Weise nach Oberfranken transferieren lässt, ist dabei zweitrangig. Auf jeden Fall ist das Wetter hier besser. Und damit die heidnische Druiden-Esoterik in Wunsiedel nicht allzu schlimme Blüten treibt, steht als Bollwerk christlicher Mystik die Ruine der Wallfahrtskirche auf dem Katharinenberg ganz in der Nähe.

Angesichts des deutlich größeren touristischen Einzugsgebietes gegenüber den durch vollzogenen Brexit und Corona-Reisebeschränkungen geradezu ans Ende der Welt gerückten britischen Inseln, dürften sich sogar bald noch weitere touristische Copy-and-Paste-Ideen ergeben. Wie wäre es mit einer Kopie der Tower Bridge – zum Beispiel in Aschaffenburg? Oder ein Buckingham Palace in ökologischer Holzbauweise schräg gegenüber der Würzburger Residenz?

Die in der Politik angebotenen Mogelpackungen sind doch ein Trauerspiel

Oder „Starni & Ammi“, ein digitales Ungeheuer-Pärchen im Starnberger und im Ammersee – im Hintergrund das glasklare Alpenpanorama – wer will da noch ins matschig-nebelige schottische Hochland, um sich vergilbte Schwarz-Weiß-Fotografien anzuschauen?

Eigentlich haben wir in Bayern die Briten doch längst durch weitläufiges „Copy and Paste“ überflüssig gemacht. Ein Hubert Aiwanger im Trachtenjanker und mit Brothendl stellt doch jeden Fish&Chips-essenden Kilt-Träger in den Schatten. Andi Scheuer plant angeblich bundesweite Linksverkehrwochen und hat auch schon Verträge mit allen Kooperationspartnern gemacht. Horst Seehofer müsste sich – copy & paste – nur mal ordentlich die Haare verstrubbeln, um Boris Johnson zu einem müden Original zu machen. Und wenn Markus Söder erst gekrönt wird, spricht doch niemand auf der Welt mehr von Prinz Charles ...


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