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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Spiel mir das Lied vom Tod

Vor 50 Jahren komponierte Ennio Morricone die wohl bekannteste Mundharmonika-Melodie aller Zeiten. Auch nach der Europawahl 2019 haben viele das "Lied vom Tod" auf den Lippen… Eine Glosse von Thomas Koppelt.

Von: Thomas Koppelt

Stand: 28.05.2019

Ein abgelegener Bahnhof, irgendwo in den verödeten Weiten der Vulkaneifel. In der Stille der sengenden Sonne lungern drei finstere Gestalten herum. Fliegen umschwirren ihre schweißglänzenden Gesichter. Stampfend rollt ein Zug über die Gleise. Und der Wind weht eine unheilverkündende Melodie herüber. Langsam nimmt Andrea Nahles die Mundharmonika von den Lippen und blickt grimmig auf die drei Banditen: "Wir werden verhandeln, bis es quietscht!" Der abgewetzte Ledermantel knarzt, als sie ihre Tasche in den Sand fallen lässt. "Die SPD wird gebraucht. Bätschi, sage ich dazu nur." Und: "Gleich kriegt ihr in die Fresse!" Dann der Griff zum Colt. Kurzer Prozess. Einer der Sterbenden richtet sich ein letztes Mal auf: "Wofür?" stößt er röchelnd hervor. "Wofür? Für die Leute machen wir das, verdammte Kacke nochmal!" Quietschend dreht ein Windrad sich im Kreis.

Was für eine Eröffnungsszene. Gut, Regisseur Sergio Leone hat sich damals mit Charles Bronson für einen männlichen Hauptdarsteller entschieden, als er den Mythos des Wilden Westens entzauberte. "C’era una volta il West" – "Spiel mir das Lied vom Tod" kam im August vor 50 Jahren in die deutschen Kinos. Das titelgebende klagende Mundharmonikasolo von Ennio Morricone wird heute 50 Jahre alt – und noch immer gerne zitiert, wenn es beispielsweise darum geht, die deutschen Volksparteien zu Grabe zu schreiben. Auch nach der Europawahl. "Das kommt dabei heraus, wenn man seine Wähler nicht ernst nimmt", freuen sich die einen. Andere haben Angst um die Zukunft der Demokratie, vor Weimarer Verhältnissen. In der Weimarer Republik aber konnte die SPD deutlich bessere Wahlergebnisse verbuchen als an diesem Sonntag: historisch magere 15 Prozent.  

"Wenn man nicht haargenau wie die CDU denkt, fliegt man glatt aus der SPD"

Wer hat die Wahl entschieden? Das politische Personal? Das Klima? Ein blauhaariger YouTube-Star namens Rezo und seine "Zerstörung" des politischen Abwiegelungsalltags? Oder die mangelnde Profilierung der Parteien der Mitte? "Wenn man nicht haargenau wie die CDU denkt, fliegt man glatt aus der SPD", stellte Wolfgang Neuss schon in den Sechzigerjahren fest. So neu scheint das Problem nicht zu sein.

Und auch die Reaktionen auf die Europawahl klingen vertraut: Die CDU spricht gewohnt unverbindlich von einem "Weckruf", die AfD gewohnt alarmistisch von der "Spaltung Deutschlands". Annegret Kramp-Karrenbauer nimmt ein "Wahrnehmungsproblem" seitens der Wähler wahr. Und Andrea Nahles hat vorsorglich schon mal einen Rücktritt als SPD-Chefin ausgeschlossen. Sie hat schließlich noch was vor. 1989 gab sie in der Abiturzeitung ihres Gymnasiums als Berufswunsch "Hausfrau oder Bundeskanzlerin" an. Wir sind gespannt, was es wird.


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