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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Schöner scheitern und darüber reden

Erfolgreiche Forscher/innen werden berühmt – dabei steckt im gescheiterten Experiment doch auch viel Hirnschmalz. Die Uni Chicago sagt: Weg mit der Scham, raus mit dem Lösungsweg! Auch aus wissenschaftlichem Stückwerk lassen sich Gedankenperlen tauchen! Eine Glosse von Gregor Hoppe.

Von: Gregor Hoppe

Stand: 11.02.2020

Das Fachblatt für „Organisationsverhalten und menschliche Entscheidungsprozesse“ ist mit einer Studie rausgerückt, die unsere erfolgsorientierte Forschungswelt radikal umwerten dürfte. Darin weisen die Psychologinnen Lauren Eskreis-Winkler und Ayelet Fishbach von der Universität Chicago das Folgende nach: Über gelungene wissenschaftliche Arbeit wird breit berichtet, der Vater des Erfolgs steht lorbeerbekränzt im Licht der Öffentlichkeit. Wer aber scheitert mit einer Versuchsreihe, von dem ist weiter kaum die Rede.

Das klingt zunächst wirklichkeitsnah, aber auch einleuchtend, zumal der Laie ja der Wissenschaftswelt einen gewissen Fortschrittsdrang unterstellt. Aber Fishbach und Eskreis-Winkler betonen: Die Welt kann auch aus dem Irrtum des Gescheiterten großen Nutzen ziehen. Dessen Denkvorgänge, Zwischenergebnisse und Lösungsansätze waren und sind ja sehr wohl überlegenswert und zielorientiert – sie stellen also Wissen dar, das Menschen weiterbringt, halt nur nicht bis zur Lösung der jeweiligen Frage.

Das erinnert an Mathematik-Schulaufgaben. Der Lehrer wusste meistens die noch korrekte Nebenrechnung zwar aufmunternd zu würdigen, benotete aber die fehlende oder völlig falsche „Lösung“ trotzdem mit „6“. Dem zwischendurch-noch-Richtigen schob die Härte der exakten Wissenschaften eben bislang einen Riegel vor. Auf den ersten Blick zurecht: Fliegt das Chemielabor in die Luft, nützt es nichts, zu wissen, dass bis zur Explosion noch nichts falschgelaufen war.

Ab jetzt aber sollen wir, wenn wir die Uni von Chicago richtig deuten, aber die noch brauchbaren Bruchstücke dessen sammeln, was in seiner wissenschaftlichen Gesamtheit verworfen wurde. „Die ursprüngliche Idee war gut, und sollte Verbreitung finden“, „…zwischendurch sah es sehr viel besser aus als am Ende“, so in etwa muss unser Blick in die Forschung sich neu ausrichten.

Jetzt kann auch Misslungenes jederzeit an der großen Glocke hängen

Auch wir Journalisten müssen uns künftig etwas stärker in Acht nehmen. Natürlich hatten wir bislang vorzugsweise aus den Arbeiten abgeschrieben, deren Veröffentlichung im Original – mangels wissenschaftlicher Anerkennung – eher unwahrscheinlich war. Das ist dahin, jetzt kann auch Misslungenes jederzeit an der großen Glocke hängen. Dafür aber dürfen auch wir etwas mehr Unschärfe in das von uns Veröffentlichte einarbeiten – ohne gleich als komplett vertrottelt dazustehen. Wir behalten in Zwischenstufen recht, auch wenn wir im Ganzen irregehen. Und übergeben der Welt wertvolle Zwischengedanken.

Also: Der Autor dieser Glosse begann durchaus gefällig, ermangelte im Folgenden aber der Klarheit des Gedankens, was auf den Sturm zurückzuführen ist, der gestern ums Funkhaus tobte, da er sich nicht konzentrieren konnte in der ständigen Angst, davonzufliegen und vergrimpflbrimpft krritschsch drzzzzt wiiiiwwwuiuuuui dddrrrrr….


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