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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Scheinriesen-Ökonomie

Gibt es Scheinriesen wirklich? Mit dieser Frage setzt sich Roland Söker in seiner Glosse auseinander.

Von: Roland Söker

Stand: 08.07.2020

Kennen Sie Herrn Tur-Tur? Das ist der sogenannte Scheinriese bei Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, dem Kinderbuchklassiker von Michael Ende.

Zur Erinnerung: Ein Scheinriese wirkt von weitem riesengroß, wenn man sich ihm aber nähert, entpuppt er sich als ganz normal großer Mensch, bei Herrn Tur Tur in Gestalt eines gutmütigen alten Mannes.

Als ich meinem Sohn neulich das Kapitel mit dem Scheinriesen vorlas, fragte der anschließend: „Papa, gibt es Scheinriesen in echt?“

Ja klar, antwortete ich. Und statt mir in Ruhe ein altersgerechtes Beispiel zu überlegen, fiel mir spontan das Unternehmen Wirecard ein. Das hatte ganz viel Geld überall auf der Welt, und war riesengroß. Und in Wirklichkeit gab es das viele Geld gar nicht. Wirecard entpuppte sich als Scheinriese.

Einen Moment lang schaute mein Sohn mich mit fragenden Augen an, sagte dann aber: „Ach so, die haben Falschgeld gedruckt. So riesen Geldscheine. Scheinriesen-Scheine!“ 

Nein, nein, so macht man das heute nicht mehr. Falschgeld fällt auf, fehlendes Wasserzeichen und so. Das Geld von Wirecard sind einfach nur Zahlen, die man um die Welt schickt. Das ist viel sicherer als Geldscheine und … ähm, ja, man kann das besser kontrollieren, glaube ich ...

„Und wieso ist das dann niemandem aufgefallen?“ hakte mein Sohn nach.

Naja, sagte ich, es gibt Wirtschaftsprüfer. Die heißen zum Beispiel Ernst und Young. Abgekürzt Eh-Ypsilon, zusammen also Ey. Man könnte also rufen: „Ey, warum passt ihr nicht besser auf?“ Aber auch Ernst und Young waren wohl von dem Scheinriesen so beeindruckt, dass sie lange Zeit nicht so genau hingeguckt haben.

Das war alles ein bisschen viel für meinen Fünfjährigen. Ernst schaute er mich aus seinen jungen Augen an und fragte noch: „Und die Polizei, die hat auch nichts gemerkt?“

Die Polizei ist da nicht zuständig, aber es gibt eine Bundesaufsichtsbehörde für das Finanzwesen, abgekürzt Bafin und die könnte so einen Scheinriesen anzeigen.

„Haben die das gemacht?“

Nee, musste ich zugeben, die Bafin hat die beiden Journalisten angezeigt, die dem Scheinriesen auf die Schliche gekommen waren. Die Bafin war halt auch so baff von der riesigen Gestalt. Und Journalisten haben von Wirtschaft auch nicht so viel Ahnung wie … Wirtschaftsprüfer zum Beispiel.

Aber da war mein Sohn plötzlich eingeschlafen, ich weiß nicht, ob durch die wiederholte Verwendung des Wortes Wirtschaftsprüfer oder weil ihm die Geschichte einfach zu blöd war.

Aber da war mein Sohn plötzlich eingeschlafen

Aber da war mein Sohn plötzlich eingeschlafen, ich weiß nicht, ob durch die wiederholte Verwendung des Wortes Wirtschaftsprüfer oder weil ihm die Geschichte einfach zu blöd war.

Ein Nachtrag noch: Ich muss mich bei Herrn Tur Tur für den Vergleich entschuldigen. Im Gegensatz zu ihm entpuppt sich der für die Manipulationen zuständige Wirecard-Manager nämlich nicht als gutmütiger alter Mann, sondern als 40-jähriger Schnösel mit einem Hang zu dicken Uhren und ausschweifenden Parties sowie zahlreichen Kontakten zu zwielichtigen Geheimdiensten, der sich bei näherem Hinsehen aus dem Staub macht und spurlos verschwindet.

Ein idealer Vertreter der Scheinriesen-Ökonomie.


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