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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Requiem für einen Gletscher

Noch braucht es warme Jacken, um dem Requiem eines Gletschers beizuwohnen wie jetzt in Island. Aber keine Sorge, es wird wärmer, daran kann auch die heilige Greta nichts ändern, die sich grade auf großer Pilgerreise befindet. Es müsste schon ein Wunder geschehen. Eine Glosse von Georg Bayerle.

Von: Georg Bayerle

Stand: 21.08.2019

Franz Werfel hat in seinem Roman „Das Lied von Bernadette“ die herzergreifende Geschichte des 14-jährigen Pyrenäenmädels Bernadette Soubirous erzählt, dem an einem Ort namens Lourdes mehrfach eine weiße Frau erschienen ist. Bernadette hat Welt und Menschen mit ihren Hoffnungen, Sehnsüchten und Nöten ein Stück weit verändert – auch wenn Lourdes zumindest aus hiesiger Sicht etwas aus der Mode gekommen zu sein scheint.

Aber es gibt ja neue Pilgerorte mit neuen Erscheinungen; der Mensch braucht sowas auch in aufgeklärten Zeiten: der Hambacher Forst etwa und die riesenhaften Grotten, die der Braunkohleabbau hinterlässt – Greta, die Bernadette des 21.Jahrhunderts, erschien, zeigte Erschütterung und Trauer angesichts der wüsten und leeren Landschaft und hinterließ die Mahnung, dass uns die Zeit davon läuft.

Als würde alles einem großen Drehbuch folgen, hauchte prompt der erste der isländischen Riesengletscher sein Leben aus: Zum Totenamt hat sich eine regelrechte Trauergemeinde eingefunden – noch in Anoraks und mit Mützen, aber bald wird man das Requiem auch in leichter Sommerkleidung feiern können, denn, wie schon die Inschrift auf dem Grabmahl verheißt: der einst stolze Okjökull ist nur der Anfang, alle isländischen Gletscher werden folgen. Ein Aufschrei – die Welt des Eises und der Finsternis ist uns plötzlich so nahe; die Gletscher: arme, unschuldige Wesen, gemartert und ermordet von uns.

Jetzt erkennen also alle, dass auch die unbelebte Materie eine Seele hat

Jetzt erkennen also alle, dass auch die unbelebte Materie eine Seele hat! Die Steine oder gar das Eis, das immer der Inbegriff des Herz- und Seelenlosen war. Aber herz- und seelenlos, das ist der Mensch im Umgang mit der Natur, aus der er kommt, und natürlich die Braunkohlekraftwerke! Jetzt leiden wir mit dem ewigen Eis, das derart rasant dahinschmilzt, den Gletschern, die in der Sommerhitze quietschen und ächzen, und denen die Eisbrocken wegkalben mit dem Krachen wie von abbrennenden Dachstühlen.

Und nichts hilft: vor Jahren schon hat die Gemeinde Fiesch im Wallis einen jahrhundertealten Gletschersegen mit päpstlicher Genehmigung umgekehrt: Nach mehreren schweren Unglücken durch Gletscherlawinen hatte man über 300 Jahre lang gebetet, der Aletsch, der größte Alpengletscher, möge sich zurückhalten; bis der Rückgang so dramatisch wurde, dass die Fiescher jetzt bitten, der Gletscher möge wieder wachsen – bisher ohne Erfolg.

Ob die heilige Greta etwas daran ändern kann, die sich jetzt auf großer Pilgerreise übers Meer befindet? In Zeiten größter Seelennot ist sie uns erschienen und die Zahl der Bekehrten wächst täglich. Aber wird sie den Weg zur Heilung und Erlösung weisen? Schöne Geschichten sind das, zeitlos schön. Und damit jetzt aber wie gewohnt weiter im Text.


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