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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Reden beim Amtsabschied

Letzte Reden sind heikel, vor allem für Politiker, die aus dem Amt scheiden. Die Erleichterung übers Ende der Dienstzeit darf den Ernst der Stunde nicht vernebeln. Kommt aber manchmal vor. Eine Glosse von Gregor Hoppe.

Von: Gregor Hoppe

Stand: 22.10.2019

Als Tony Blair sich aus Downing Street 10 verabschiedete, schloss er mit: „Wir wissen es, die anderen wissen es – dies ist die größte Nation auf Erden! Es war ein Vergnügen und eine Ehre, ihr zu dienen.“ Kritisch betrachtet, folgte also auf ganz unbritischen Chauvinismus der bescheidene Dank des ersten Dieners des Staates. Rednerisch trotzdem nicht übel – erst Zucker für den Affen, dann in gehorsamem Bückling rückwärts von der Bühne.

Vor einer ganz anderen Aufgabe steht heute der scheidende Präsident der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker. Er darf ja nicht eine einzelne Nation herausheben - auch wenn viele Kritiker einige steuerpolitische Entscheidungen des von ihm geleiteten Gremiums kaltlächelnd auf seine Herkunft als Luxemburger münzen. Aber: keine Kleinkleckerei in dieser Stunde!

Es geht einer, der vielsprachig Wirrwarr und Chaos zu bändigen versuchte, und der nun Ferien verdient. Junckers letzte Rede ist aber nochmal eine schwere Aufgabe: Vermächtnis, bilanzierende Rechenschaft, Ausblick in die Zukunft und gute Wünsche, das alles sollte drin sein. Und der Kontinent erwartet außerdem das Kleinreden der eigenen Leistung und uneingeschränktes Lob für die helfenden Hände im Hintergrund.

Der letzte Satz muss nicht vom Redner selbst stammen, oft reicht ein gutgewähltes Zitat, aber Vorsicht, wenn Politiker sich festlegen: Barack Obama verabschiedete sich aus dem Weißen Haus bekanntlich mit „Die Zukunft liegt in guten Händen“. Damit lag er ungefähr so falsch wie der einzig zurückgetretene Amtskollege der US-Geschichte. Richard Nixon bat nach einer beispiellosen, von ihm und seiner Umgebung organisierten Sabotage- und Abhörkampagne gegen den politischen Gegner die Öffentlichkeit, ihm zu glauben, er sei kein Gauner.

Bloß nicht in Rührseligkeit versinken

Allerdings darf, wer zum eigenen Abschied spricht, auch nicht in Rührseligkeit versinken. Sonst stockt die Stimme, der Saal wird der Beklemmung inne, und aus ist´s mit der inneren Sammlung. Juncker war nach dem letzten Gipfel – womöglich aus mehreren Gründen – schon den Tränen nahe.

Winston Churchill, auch hier vorbildlich, weitete den Blick ins helle Aufwärts, als er dem gebannt schweigenden Unterhaus 1955 sagte: „Möge der Tag kommen, da fair play, Nächstenliebe und die Achtung vor Gesetz und Freiheit gequälte Generationen heiter und glorreich hervorgehen lassen aus der üblen Zeit, die wir verleben müssen. Bis dahin, weichet nicht, ermüdet nie, verzweifelt niemals!“ Hohes Register. Norbert Geis von der CSU, der aufrecht verzweifelte Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe, focht bis zuletzt im Bundestag dafür, dass adoptierte Kinder in einer – Zitat – „natürlichen Gemeinschaft“ aufwüchsen. Und weiter: „Nämlich bei Vater und Mutter! Und nicht bei Papa und Mama!“


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