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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Rate my Skyperoom

Videokonferenzen aus dem Homeoffice gewähren ungeahnte Einblicke in fremde Wohnungen. Was man da nicht alles sieht. Es war an der Zeit, diese Einblicke mal einer kritischen Bewertung zu unterziehen. Eine Glosse von Wolfram Schrag.

Von: Wolfram Schrag

Stand: 07.05.2020

Es will alles gut vorbereitet sein im Home-Office. Rein schon aus sozialhygienischen Gründen. Und Hygiene ist ja im Moment besonders wichtig, egal wo. Deshalb empfiehlt es sich, keine Jogginghose anzuziehen. Wie Karl Lagerfeld selig schon ätzte: Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.

Haben wir natürlich nicht. Denn in diesen Zeiten, wie man so schön sagt, ist eben neben der Hygiene auch die Kontrolle wichtig. Und von wegen Kontrolle: Wie sehen eigentlich die Haare aus? Nun ja, so wie bei vielen im Moment nach acht Wochen ohne Schere. Aber, alles unter Kontrolle, der Termin ist zumindest schon vereinbart.

Dann kann es losgehen. Im Sekundentakt füllt sich der Bildschirm mit kleinen Bildchen. Ein neuer Tag im Home-Office kann beginnen mit der ersten Videokonferenz. Und da sitzen sie alle gespannt und schauen in das kleine schwarze Kameraauge am Laptop. Videoveranstaltungen laufen sehr konzentriert ab. Doch dann hält F wieder seine Monologe, wie jeden Tag. Und man kann warten, bis M darauf einsteigt. Und schon hangelt sich die virtuelle Runde in Höhen, die mit dem Thema nichts mehr zu tun haben.

Spätestens in diesem Moment wandert der Blick in die Runde. Was hat eigentlich der E da im Hintergrund stehen. Ist das ein Staubsauger oder eine moderne Plastik? Und der C hat eine Stuckdecke. Das sieht man deshalb so gut, weil der Computerdeckel mit der Kamera so eingestellt ist, dass der Blick in die C’s Nasenlöcher, aber eben auch zu den Stuckverzierungen geht. Und die A hat viele Bücher und das Ganze dann auch noch geschmackvoll beleuchtet. Im Ranking ist sie ganz oben. Ja, wir bekommen gerade bei diesen Videokonferenzen ungeahnte Einblicke.

In Amerika, macht sich nun einer den Spaß und bewertet, was er in fremden Wohnungen so alles sieht. Room Rater heißt er passenderweise und sein Account @ratemyskyperoom hat seit April mehr als 137.000 Follower gefunden. Vor allem wenn Fernsehsender ein Interview führen, wird es dann schon fast intim.

Und spätestens in diesem Moment sollten wir alle mal nach hinten schauen

Room Rater sieht alles und vergibt entsprechende Punkte von Null bis 10, versieht diese mit kleinen Kommentaren und Tipps. Und die geben wir doch gerne weiter: Was kommt gut an: Bücherwände und schöne Bilder. Auch Pflanzen und eine ansprechende Hintergrundbeleuchtung. Gut ist es zudem, wenn die Kamera höher gestellt ist. Aber es gibt auch die tragischen Gestalten mit traurigen Räumen. Manches Ambiente erinnert eher an eine Gefängniszelle oder bedarf dringender Auffrischung.

Und spätestens in diesem Moment sollten wir alle mal nach hinten schauen. Was sehen eigentlich die anderen von mir? Leitzordner, Stuckdecke oder der Pullover an der Schrankwand. Das nicht aufgeräumte Bügelbrett, oje die Socken. Jetzt aber flott! Die nächste Videokonferenz kommt bestimmt.


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