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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Politikunterricht in der Sekundarstufe

Schüler in Deutschland bekommen pro Woche nur achtzehneinhalb Minuten Politikunterricht, hat ein Bielefelder Soziologe errechnet. Pro Schüler bleibt da eine durchschnittliche Redezeit von satten 20 Sekunden. Wenigstens eine Minute sollte man draus machen, fordert Roland Söker. Denn Politik will geübt sein - sonst gehts einem irgendwann wie heute einem Hubert Aiwanger.

Von: Roland Söker

Stand: 19.05.2020

Es fällt manchmal schwer, das zu bekennen. Aber ich sage an dieser prominenten Stelle einmal ganz provokant: Ich liebe Politik! Ja, ich liebe Politik, selbst in Zeiten von Trump, AfD und Demonstrationen, deren Zusammensetzung und Zielrichtung ich manchmal nicht verstehe. Für mich gehört Politik zum Leben einfach dazu. Ich würde sogar sagen: Politik ist systemrelevant.

Aber Politik will geübt sein. Möglichst früh, finde ich. Schon im Kindergarten. Na ja, natürlich altersgerecht. Aber der übliche Morgenkreis im Kindergarten ist für mich so etwas, wie die frühste Form eines Parlaments. Jedes Kind sagt was, die anderen hören zu und vielleicht wird auch schon mal etwas entschieden, gemeinsam. Gut, die Vermittlung politischer Inhalte findet im Morgenkreis des Kindergartens eher nicht statt, aber das beginnt ja dann in der Schule.  

Pustekuchen, wie ich jetzt erfahren habe. Der Bielefelder Soziologe Reinhold Hedtke hat nämlich jetzt errechnet, dass Schüler in Realschulen, Gymnasien und Gesamtschulen durchschnittlich pro Woche nur achtzehneinhalb Minuten Politikunterricht bekommen. Wenn man die Redezeit der Lehrkraft abzieht und die verbleibende Zeit durch die Anzahl der Schüler teilt, bleibt für jeden Schüler eine durchschnittliche Redezeit von satten 20 Sekunden. Pro Woche. Jetzt verstehe ich endlich, warum das Sekundarstufe heißt. Klar, einen politischen Sachverhalt in 20 Sekunden darstellen zu müssen, das übt natürlich ungemein. An dieser Zeitvorgabe scheitern bis heute die meisten Profi-Politiker regelmäßig.

Ich muss nun dazu sagen, dass der Bielefelder Forscher sich bei diesen Berechnungen auf Nordrhein-Westfalen bezogen hat. Da lacht jetzt der kundige Freistaatsbewohner laut auf und witzelt, dass für ein Nordrhein-Westfalen-Abi 20 Sekunden Redezeit pro Woche natürlich völlig ausreichen. Aber dieser Schlingel aus Bielefeld hat auch noch einen Vergleich der verschiedenen Bundesländer angestellt. Nur in 5 davon - eben auch in Nordrhein-Westfalen - kann der Politikunterricht bereits in der 5ten Klasse beginnen. In den meisten beginnt er erst in der 8ten Klasse. Schlusslicht bundesweit ist: Bayern! Hier gibt es das Fach Politik erst in der 10ten Klasse.

Gönnt's den Schülern wenigstens o gonze Minute Politik in der Woche!

Tja, was soll man sagen? In dem Alter haben die Schüler längst auf Youtube oder Tiktok die Influencer ihres Vertrauens gewählt. Wozu sollen sie sich dann noch mit den Quatschköpfen im Parlament befassen, die auch noch alle ihre 20 Sekunden Redezeit überschreiten?

Was der Forscher aus Bielefeld nun leider nicht untersucht hat, ist die Auswirkung der unterschiedlich schlechten Schulbildung in Politik auf die Qualität des Fachpersonals in den jeweiligen Bundesländern. Irgendwie kommt mir jetzt Hubert Aiwangers Brathendl-Gleichnis von letzte Woche in den Sinn. Sie wissen schon: „dos holbe Brothendl brotfertig om Tisch“. Das kommt wahrscheinlich dabei raus, wenn man erst in der 10ten Klasse seine 20 Sekunden Redezeit für politische Bildung bekommen hat. Ich hätte daher eine dringende politische Forderung an die bayerische Staatsregierung: Gönnt's den Schülern wenigstens o gonze Minute Politik in der Woche, gern auch schon ob der fünften Klosse!

Wow, die ganze Message in 8 Sekunden. Ich liebe Politk!


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