Bayern 2 - radioWelt


0

Ende der Welt - Die tägliche Glosse Plauderdiplom

Plaudern will gelernt sein. Denn dafür muss der Mund geöffnet und ein Laut gebildet werden. Mehr noch: Ein ganzer Satz formuliert werden. Längst nicht mehr so selbstverständlich wie man annehmen könnte. Eine Glosse von Katharina Hübel.

Von: Katharina Hübel

Stand: 25.02.2021

Staatlich geprüfter Dampfplauderer – das wäre doch mal was. Mit Belanglosigkeiten daherreden echt fett Kohle machen. Super. Nein, das wird jetzt kein Politiker-Bashing. Auch kein Seitenhieb auf alle entengesichtigen Instagramerinnen. Ein ernst gemeinter Karrieretipp.

Rechtsanwaltskanzleien in England haben schon längst begriffen: Die richtig fiesen Verträge unterzeichnet die Gegenseite nur, wenn sie einen so furchtbar sympathisch findet, dass sie nicht mehr so genau das Kleingedruckte liest. Das Gehirn ist benebelt von irgendwelchen Happy-Hormonen und schon reitet sich der Gegner selbst rein. Er vertraut Dir – er unterschreibt.

Doch der Generation Kurztext fällt das schwer. Sprechen. Also etwas ausgestalteter als LOL und Yolo und Plonk. So im altmodischen Stil mit Subjekt, Prädikat, Objekt. Und laut. Also hörbar. Und nein, damit ist nicht das Tippen auf der Tastatur gemeint. Weil das vernehmliche und verständliche Sprechen in konventionellen ganzen Sätzen, gefüllt mit belanglosem, aber vertrauensbildendem Inhalt, nicht mehr automatisch im Ausbildungspaket mit drin ist, schicken diverse Kanzleien in England ihren juristischen Nachwuchs zur Nachhilfe an die Uni:

Die Londoner BPP Law School hat den Bedarf erkannt und bietet Kurse im Networking und Chit-Chat an

Die Londoner BPP Law School hat den Bedarf erkannt und bietet Kurse im Networking und Chit-Chat an. Nein. Nicht Shit-Chat, sondern Chit-Chat. Auf deutsch: Small-Talk. Dass man mit einem Telefon auch telefonieren, also sprechen könnte – eine absurde Vorstellung für jemanden um die zwanzig. Sich mit Menschen konfrontiert zu sehen – geradezu verstörend. Von sich mehr preis zu geben als die persönlichen Daten – ungeheuerlich. Da müssen die jungen Menschen wieder rangeführt werden und da hilft die Plauderschule.

Erinnert ein bisschen an die Fünfziger, Zeit des Wirtschaftswunders, des Bleistiftrocks und der Schmetterlingsbrille. Eine Zeit, in der die Frau ihren ursprünglich erlernten Beruf an den Nagel hängte, wenn sie Ehefrau wurde. Und da auch das – wie das erfolgreiche Sprechen – gelernt sein will – hat der Bräutigam sie, wenn er sich zu sehr fürchtete vor dem, was mit der Ehe wohl kommen möge, in der Bräuteschule angemeldet. Damit er zu einer staatlich geprüften Hemdenbüglerin, Heimgestalterin und Stramplerwäscherin Ja sagen kann.

Sprechen stand dort nicht auf dem Stundenplan, schon gar nicht Widersprechen. Es ging um handfestere Skills: Blumen-, Kinder- und Männerpflege im 24-Stunden-Service. Sogar einen Lötkolben bekamen die Bräute in die Hand gedrückt, um das Bügeleisen zu reparieren. Zum Sprechen, gar Plaudern, hatten die keine Zeit. Kein Wunder, dass sie keine Karriere mehr gemacht haben, sobald sie verheiratet waren. Das höchste aller Gefühle war dann noch das eigene Jodeldiplom. Da hat es unsere Jugend heute besser: Alles ist möglich. Mit dem offiziellen Plauderdiplom.


0