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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Pflanzenauktion

In Neuseeland wechselt eine Zimmerpflanze in einer Online-Auktion für 16.000 Euro den Besitzer. Sind wir Zeugen einer neuen Spekulationswelle? Wir haben uns umgesehen. Eine Glosse von Wolfram Schrag.

Von: Wolfram Schrag

Stand: 15.06.2021

Sie sind robust und pflegeleicht. Sie nehmen nichts krumm, sind einfach nur da. Sie können auch mal ohne Wasser, und wenn es sein muss für Wochen. Wir sprechen von Zimmerpflanzen, manchmal auch Büropflanzen, den grünen Begleitern im grauen Alltag. Diese besondere Art kommt ursprünglich aus dem Urwald. Dort lernte sie, sich im Schatten riesiger Bäume durchzuwursteln. Sie sind Überlebenskünstler. So, wie sie es heute noch sind, weil die Blätter tagaus tagein von Heizungsluft gedörrt werden oder wenn das Büro wegen Lockdowns wochenlang verwaist ist.

Dann kann es schon mal sein, dass die dicken Blätter in Folge Wassermangels runzelig werden und manche bekommen glatt eine etwas seltsame Verfärbung. Und genau hier an dieser Stelle wird es spannend im Ende der Welt. Am anderen Ende der Welt, nämlich in Neuseeland, hat am vergangenen Wochenende bei einer Online-Auktion eine solche Zimmerpflanze für umgerechnet rund 16.000 Euro den Besitzer gewechselt. Das Besondere scheinen die Blätter, die selten grün sind und meist ins elfenbeinfarbene gehen. Begeisterte Kommentare trieben den Preis schnell nach oben. Verdammt schöne Pflanze oder mein Traumgewächs. Und am Schluss standen 16.000 Euro für Hurley88. Drei, zwei eins, Büropflanze. Wer hätte es gedacht.

Möglicherweise stehen wir an der Schwelle zu einer neuen Spekulationsblase. Pflanzeninvestments sind jedenfalls in Neuseeland immer öfter zu beobachten, heißt es vom Online-Auktionshaus. Kein Wunder: Irgendwann haben alle Anlegerinnen und Anleger den immer gleichen ETF. Und dann braucht es mal ein bisschen Wagemut. Mal was Grünes! Warum also nicht in Zimmerpflanzen investieren.

Und deshalb wandert der Blick jetzt schnell durch den Raum

Und es wäre nicht das erste Mal. Schon eine der ersten Finanzkrisen im 17. Jahrhundert wurde in Holland durch Tulpen ausgelöst. Zum Schluss wurden ganze Häuserzeilen für ein paar Tulpenzwiebeln verpfändet. Und deshalb wandert der Blick jetzt schnell durch den Raum. Ja, dieser Jahrzehnte alte Philodendron, der schon vier Umzüge hinter sich hat und gerade ein neues Blatt ausrollt. Ist er vielleicht schon 1000 Euro wert? Oder dieses bemitleidenswerte Exemplar der Grassula, gerne auch Geldbaum genannt. Ihr Besitzer hat sie jahrelang nicht verwöhnt. Aber das minimale Wachstum aus Wassermangel treibt sicher den Preis nach oben. Und im Nebenbüro, wo die Kollegin ihre Zimmerpflanze seit Jahren in die Breite und die Höhe wachsen lässt? Allein ein Ableger dürfte bald mit Gold aufgewogen werden.

Also ran. Man muss nur dran glauben. Und wenn wir schon dabei sind. Ein wenig Wasser hat noch keiner Pflanze geschadet. Auch sie muss schließlich hübsch sein, wenn sie in die Auktion geht. Zum ersten, zum zweiten und zum….


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