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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Nur Schall und Rauch?

Bei Deutschlands beliebtesten Vornamen tut sich schon lange nichts mehr: Hannah, Emma, Noah, Leon und Ben tauschen höchstens die Plätze. Was war das noch schön, als man sich über Désirée-Chantal, Kaysen oder Svava erregen konnte… Eine Glosse von Heinz Gorr.

Von: Heinz Gorr

Stand: 12.05.2020

In Woody Allens Komödie Geliebte Aphrodite ist die beflissene Suche nach einem Vornamen für den frisch adoptierten Sohn bezeichnend dafür, was Eltern bis heute antreibt beim Labeln der eigenen Nachkommen. Im Film ist der Sportreporter Lenny überzeugt, dass er trotz mangelnder Zeugungsfähigkeit über "preiswürdige Gene" verfügt. Wenn er die schon nicht weitergeben kann, dann soll doch zumindest das ideelle Erbe der Familie Weinrib mit einem adäquaten Vornamen und besser noch mit honorigem Titel wie Senator oder so der Nachwelt erhalten bleiben.

Psychologen würden so etwas vermutlich als Strategie heteronormativer maskuliner Dominanz bezeichnen, was dem vergnügten Kinozuschauer beim Anblick des notorisch unsicheren Lenny Weinrib alias Woody Allen nie in den Sinn käme. Allerdings finden sich bei vielen männlichen Absolventen amerikanischer Eliteuniversitäten etliche Namen, die mit einer römischen Zahl enden: will sagen, man ist ungemein stolz auf die Familientradition, behält sämtliche Namen bis hinein in die Mittelinitialen bei und erwartet vom Nachwuchs, als römisch III mindestens so erfolgreich zu werden wie I und II.

Die Deutschen hingegen sind laut einer großangelegten Studie vom Ende der 90er-Jahre Sklaven des Zeitgeists, wenn es um die Wahl der Vornamen geht. Im Gefolge der Französischen Revolution ließ sich das ebenso nachweisen wie im Bürgertum des 19. Jahrhunderts, wo der Bildungsdünkel lateinischen und griechischen Namen Aufschwung verlieh wie Justus oder Philomena. Peinlichste Blüten trieb diese Mode im Nationalsozialismus, so dass diverse Runderlasse die Standesregister anweisen mussten, "den Namen des Führers und Reichskanzlers nicht als Vornamen" eintragen zu lassen. Österreich verbot schon vor der Machtergreifung entspechende Ansinnen der Altvorderen, was der New York Times im August 1932 eine Meldung wert war: es sollte verhindert werden, dass das katholische Land "von einer Welle Hitler Schmidts oder Hitlerine Brauns überrollt" wird.

Wer sophisticated erscheinen wollte, gab seinen Kindern französische Doppelnamen

Und heute? Gähnende Langeweile - jährlich statistisch korrekt ermittelt von der Gesellschaft für deutsche Sprache - rochieren gefühlt seit Dekaden die immergleichen Hannahs, Emmas, Mias, Emilias, Sophias, Ellas oder Maries innerhalb der Top Ten, und bei den Buben die Noahs, Bens, Pauls, Leons, Jonasse und Finns. Für immer vorbei sind die Zeiten, in denen Myriaden von Kevins und Jaquelines aus den Kindersitzen geholt wurden, verbrannte Etiketten einer pathologischen Suche nach dem Anderssein. Wer sophisticated erscheinen wollte, gab seinen Kindern französische Doppelnamen, Spracharchäologen graben sie nur noch in alten Sketchen von Gerhard Polt aus. "Junge… guck' dir doch den Dieter an", so besangen einst Die Ärzte eine öde elterliche Vorbildfigur. Und selbst Dieter nennt sich schon lange lieber Max…


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