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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Nicht jetzt! Der neue Trend: Verschieben

Sind wir Deutschen eine Prokrasti-Nation, die alles gern verschiebt? Corona macht vieles - zumindest jetzt - unmöglich. Warum also nicht auch anderes, Unangenehmes, Lästiges auf den Sankt Nimmerleinstag verlegen? Eine Glosse von Heinz Gorr.

Von: Heinz Gorr

Stand: 03.08.2020

Es gibt immer Argumente, wenn man etwas hinauszögern will, nur selten allerdings sind sie so lustig wie das Bonmot Otto von Bismarcks, der gesagt haben soll: "Wenn einmal die Welt untergeht, gehe ich nach Mecklenburg, dort passiert alles 100 Jahre später."

Nun ist kaum etwas so schwammig datiert wie die Apokalypse, obwohl sich Endzeitpropheten seit Ewigkeiten manchmal sogar auf tagesgenaue Ansagen kaprizierten - die dann sang- und klanglos verpufften. Denken wir nur an den Millenium Bug zur letzten Jahrtausendwende, wo nach Meinung vieler ein nicht wirklich simulierbares Computerproblem die Menschheit in den Abgrund befördert haben sollte…

Eines jedoch ist sicher: noch nie war in dieser durchgetakteten Welt so viel von Verschiebung - oder ihrer größeren, absolut humorlosen Schwester, der Absage - die Rede wie in den Zeiten der Corona-Pandemie: Von Oberammergau bis Tokio, von Bregenz bis Wunsiedel. Nur wenige Aufrechte bleiben bei der Stange, zumindest bis sich diese in die soliden Stäbe schwedischer Gardinen verwandelt: Meistens aber segeln die so lautlos unter dem Radar der Strafverfolger, dass sie - trotz ihrer tiefschwarzen Wolle - ungeschoren davonkommen. Vielleicht weil sie seit jeher Profis sind im Verschieben?! Völlig ungerührt von geschlossenen Grenzen oder Quarantänebestimmungen verschieben sie weiterhin unscheinbare Kampfhubschrauber, U-Boote, Schützenpanzer oder Boden-Luft-Raketen.

Was im Großen Schule macht, färbt längst schon aufs Private ab

Andere - sogenannte Zahlungsdienstleister - verschieben Milliarden… ja, wohin eigentlich? Und worin besteht nochmal gleich der Dienst, den sie leisten? Egal, die Politik - selbst einigermaßen erfahren im Verschieben, und sei es nur auf die nächste Legislaturperiode - wäscht ihre Hände schon aus hygienischen Gründen derzeit noch öfter als sonst in Unschuld und desinfiziert hinterher nach mit keimfreien Sommerinterviews. Um anschließend gleich weiterzumachen mit dem Verschieben: die Union verschiebt die K-Frage, weil eine klare Antwort darauf schnell zur K.O.-Frage werden kann, die SPD braucht eventuell gar keinen Kandidaten mehr, auch wenn führende Genossen weg wollen von der "Selbstverzwergung" der Partei.

Was im Großen Schule macht, färbt längst schon aufs Private ab: nämlich Unangenehmes mit Verweis auf das Virus zu verschieben - den Zahnarzttermin? Zu riskant, im nächsten Quartal dann. Endlich die Steuererklärung abgeben? Die kommen doch eh nicht hinterher im Finanzamt… Hochzeit? Scheidung? Vielleicht sollten wir einfach nochmal überlegen… Jetzt, wo sogar der Election Day in Frage gestellt wird, der 3. November, Tag der US-Präsidentschaftswahl. Donald Trump - so heißt es aus informierten Kreisen - soll angeblich den 30. Februar 2021 vorgeschlagen haben…


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