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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Muffel 2.0

Töfte, knorke, Steiler Zahn: Die deutsche Sprache hat viele Wortschöpfungen kommen und gehen sehen, einzig ein Ausdruck ist nicht totzukriegen: Der Muffel. Eine Glosse von Michael Zametzer.

Von: Michael Zametzer

Stand: 04.12.2019

Sprache ist ein Lebewesen. Sie verändert ihre Gestalt, ihr Aussehen, ihre Anmutung mit der Zeit. Was gestern noch schlechterdings ein Fest war, ist heute schlicht - nice. Das kann man nice finden oder nicht – es ist natürlich. Und ehrlich gesagt: Es tut auch ganz gut, wenn Ausdrücke, die das Greisenalter erreicht haben, der Gegenwartssprache nicht mehr penetrant im Weg stehen. Schließlich zupfen wir beim Gitarre spielen längst keinen Flotten Darm mehr, wie noch Peter Kraus in den 50ern. Der Steile Zahn oder die heiße Schnitte fallen heute unter das Diktum des Unsagbaren, weil sexistisch. Auch dufte, töfte, knorke – einst die drei Grundsäulen der Jugendsprache – finden sich allenfalls noch in lustigen Texten wie diesem. Einzig ein Ausdruck hat alle Zeiten überdauert, allen Sprachmoden getrotzt und feiert jetzt sogar wieder fröhliche Urständ: Es ist das Wort - Muffel.

Genauer gesagt ist es ein Suffixoid, der hintere Teil eines zusammengesetzten Wortes. Und schon hier liegt der Grund für die erstaunliche Hartnäckigkeit des Muffels: Seine enorme Anpassungsfähigkeit. Ein Interneteintrag listet ganze 59 Muffel-Wörter auf: vom Anzugmuffel bis zum Zahnputzmuffel – wobei letzterer geradezu umwerfend geruchsmalerisch klingt.

Dabei haftet dem Wortteil „Muffel“ selbst eine gewisse Muffeligkeit an – klingt es doch, als habe es Jürgen von der Lippe um das Jahr 1983 herum in irgendeiner ZDF-Garderobe hängen lassen. Und tatsächlich haben nicht alle Muffel die Zeiten gleich gut überdauert: Ab 1984 zum Beispiel war ein dramatischer Rückgang der westdeutschen Gurtmuffel-Population zu verzeichnen. Grund waren hier äußere Umwelteinflüsse wie die Einführung eines Bußgeldes für das Nichtanlegen des Sicherheitsgurts im Auto.

Analogien zum Tierreich liegen auf der Hand

Dabei kam es über die Jahrzehnte immer wieder zu bemerkenswerten Schwankungen einzelner Muffel-Populationen: So stellt die aktuelle Pisa-Studie einen sprunghaften Anstieg der Lesemuffel unter Fünfzehnjährigen fest. Zwar zeichnen sich Jugendlichein diesem Alter generell durch eine stabile Grundmuffeligkeit auf allen Gebieten des Menschlichen Zusammenlebens aus. Die zeitgleiche Vermehrung jugendlicher Bewegungsmuffel aber legt einen kausalen Zusammenhang mit der Entwicklung anderer Muffelarten nahe: Während 2006 in Deutschland noch viele Handy- und Internet-Muffel gezählt wurden, sind diese heute nahezu ausgestorben.

Analogien zum Tierreich liegen auf der Hand: Wenn dereinst ein thermonuklearer Schlagabtausch der Atommächte zum wohlverdienten Ende der Art Homo sapiens sapiensführen wird, dann schlägt die Stunde der - Kakerlaken. Als anpassungsfähige und praktisch unausrottbare Superinsekten werden sie die neuen Herrscher der Erde sein – und wohl vieles anders machen. Einzig ein Erbe der Menschheit wird auch den dann sprachfähigen Kauwerkzeugen der Schaben entfleuchen: „Muffel“ - Version 2.0. Wir können es also mit Fug und Recht als die „Kakerlake der Deutschen Sprache“ bezeichnen. Anpassungsfähig und unausrottbar.


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