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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Modekrankheiten

Was wir brauchen sind genveränderte Pollen. Die fliegen nur dann, wenn es regnet, oder aber genveränderten Regen, der nur dann regnet, wenn die Pollen fliegen, oder wir machen so weiter wie bisher, dann fliegt wahrscheinlich bald gar nichts mehr... Dann doch lieber niesen. Eine Glosse von Helmut Schleich.

Von: Helmut Schleich

Stand: 26.04.2019

Das waren ja wettermäßig schon gewaltige Ostertage heuer. Zum Glück hat der deutsche Wetterdienst dann eine Dürrewarnung herausgegeben, damit wir uns nicht zu sehr über die Sonne und den strahlend blauen Himmel freuen oder zumindest beim Freuen ein schlechtes Gewissen haben.

Vielleicht hat man auch deswegen heuer erstaunlich wenig von den Pollen gehört. Birke, davor Erle und Hasel. Als Allergiker weiß man, der Frühling hat seine Reize, von allem seine allergischen. Wer da nicht entsprechend fachärztlich gestählt oder anderweitig präpariert in die Saison startet, den haut schon der entfernte Anblick von Birken aus den Latschen.

Noch allergischer als auf Baum-, Strauch- und Gräserpollen reagiert der Allergiker nur noch auf die sich zum Frühlingsbeginn rasend vermehrenden Hobby-Heuschnupfler. Das sind jene Zeitgenossen, die zwischen März und Juni drei mal niesen dafür aber, heftig mit Taschentüchern wedelnd, durch die Gegend laufen und jedem erzählen, sie hätten jetzt auch Heuschnupfen und alles sei ganz schrecklich. Gut erkennt man sie auch daran, dass sie mit vermeintlichen Super-Tipps gegen Pollenallergie um sich werfen als wären sie Allergologen, Heilpraktiker, chinesische Mediziner und Wunderheiler in einer Person. Letztes Jahr hat mir mal einer erzählt, er hätte sich seinen Heuschnupfen „löschen“ lassen und das solle ich doch auch machen. Den Heuschnupfen einfach „löschen“ lassen. Wie unliebsame oder überflüssige Dateien auf der Festplatte. Zack weg. Genial.

Eine Münchner Brauerei hat einen sogenannten „Durschtlöschzug“. Den schickt sie zu Großevents, um dort ihr Bier zu verkaufen. Vielleicht sollte man im April einen Heuschnupfen-Löschzug durch’s Land schicken, der Pollenallergien löscht. Braucht’s andererseits aber gar nicht, weil die Wirksamkeit solcher Therapie-Ansätze meist in sehr enger Verbindung mit anhaltendem Regenwetter steht.

Von denen, die echte Probleme mit Lebensmitteln haben, sind sie schon dadurch leicht zu unterscheiden, dass sie ständig drüber reden

Das hilft übrigens auch gegen Dürrewarnungen, während es bei Lebensmittelunverträglichkeiten gar nichts bringt. Die sind weder Wetter- noch Jahreszeiten-abhängig. Die kann man immer haben. Man denke nur an die ständig wachsende Gemeinde von Senf-, Dill-, Kümmel-, Anis-, Spitzwegerich-, Glaskraut-, Radieschenblätter-, Rosinen-, Vanille-, und sonstigen Unverträglichkeits-Inhabern, die Heerscharen von Kellnern in Gasthäusern mit Nachfragen, Umbestellungen und Beschwerden in den Wahnsinn treiben.

Von denen, die echte Probleme mit Lebensmitteln haben, sind sie schon dadurch leicht zu unterscheiden, dass sie ständig drüber reden. Ist ja auch grandios. Wenn man allen leid tut einschließlich sich selbst. Ohne, dass einem so richtig was fehlt. Es geht schließlich nur um - meistens leichte - Unverträglichkeiten. Wobei, so neurotisch wie unsere Gesellschaft ist, gibt’s das demnächst vielleicht auch bei heftigen Krankheiten. „Herzinfarkt? Das hab ich, glaub’ ich auch. Immer wieder habe ich das. Muss ich mir jetzt mal löschen lassen.“ Man darf sich freuen drauf.

Eben alles eine Frage der Perspektive.


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