Bayern 2 - radioWelt


0

Ende der Welt - Die tägliche Glosse Mediengeilheit

Neulich filmte ein Patient seine eigene Darmspiegelung und stellte sie ins Netz, doch leider passierte das alles im Krankenhaus, nicht auf einer Nilkreuzfahrt oder vor der Freiheitsstatue, sonst hätte der Selfie-Boom doch deutlich mehr profitiert. Offenbar ließ das einen schwer verletzten Unfallfahrer nicht ruhen, der jetzt auf der A 73 bei Forchheim seine eigene Rettung drehte. Das lässt erwarten, dass sich die Leute demnächst nur noch vor dem Grand Canyon die Mandeln rausnehmen lassen und in der Serengeti den Blinddarm schwenken – Hauptsache, sie sind mit drauf, solange was passiert. Eine Glosse von Peter Jungblut.

Von: Peter Jungblut

Stand: 23.06.2020

Sollten Sie bereits Selfies vor den Pyramiden von Gizeh, dem Matterhorn, der Freiheitsstatue, dem Eiffelturm und allen anderen einigermaßen aufregenden Sehenswürdigkeiten gemacht haben, können sie Ihr Smartphone ja immer noch verschlucken: Kürzlich filmte jedenfalls ein Patient seine eigene Darmspiegelung und stellte das Video ins Netz, allerdings erfolgte die Untersuchung bei einem Arzt und nicht bei einer Nilkreuzfahrt. Insofern sind die kreativen Freiräume noch nicht ganz ausgereizt.

Wenn Sie sich vor dem Grand Canyon die Mandeln rausnehmen lassen oder in der Serengeti den Blinddarm schwenken, ist Ihnen die Aufmerksamkeit bei Facebook und Instagram gewiss, und die Löwen freuen sich über den kleinen Nachtisch. Ja, es reicht schon lange nicht mehr, dass wir alle ein aufregendes und buntes Leben dokumentieren, jedes Selfie muss inzwischen so aussehen, als könnte es das letzte sein.

Und weil die Wenigsten von uns Wolkenkratzer hochklettern, Schluchten hinunterspringen oder mit Krokodilen schwimmen, müssen wir der Gefahr halt dort ins Handy blicken, wo zwar auch das Gesetz des Stärkeren gilt, aber immerhin mit Sitzheizung: Auf deutschen Autobahnen. Die haben den großen Vorteil, dass sie einerseits noch nicht zivilisiert sind, andererseits aber trotzdem guten Empfang haben. Das nutzen immer mehr Verkehrsteilnehmer entsprechend aus, wie Rettungskräfte jederzeit bestätigen werden. Jedenfalls werden sie gern im Vorbeifahren gefilmt, vermutlich von Leuten, die zuhause in Ruhe das Elend in der Welt ansehen wollen und dafür doch nur vor den Spiegel treten müssten.

Und als ob das immer noch nicht aufregend genug ist, drehte kürzlich ein Autofahrer auf der A 73 bei Forchheim seine eigene Rettung, nachdem er mit seinem Wagen zuvor 300 Meter über die Fahrbahn geschleudert und mehrfach gegen die Leitplanken geprallt war. Ärgerlich natürlich, dass diese Szenen auf dem Handy fehlen, aber als die Feuerwehr das Dach des demolierten Fahrzeugs abhob, da hatte das schwer verletzte Unfallopfer schon auf Aufnahme gedrückt.

Wie die Retter mitteilten, schwenkte der eingeklemmte Mann seine Kamera behutsam hin und her, um auch nichts zu verpassen

Wie die Retter mitteilten, schwenkte der eingeklemmte Mann seine Kamera behutsam hin und her, um auch nichts zu verpassen, vermutlich aus Angst, dass die Beifahrerin nicht im Bild ist, wenn der Schneidbrenner Funken schlägt. Es soll ja echt wirken, gerade dann, wenn es echt war. Wäre natürlich cool gewesen, wenn die Feuerwehr das Autodach noch mal kurz in den Sonnenuntergang gehalten oder der Notarzt die Herzdruckmassage etwas dramatischer angelegt hätte. Naja, auch so wird das Video bei Facebook und auf Instagram wohl seine Abnehmer finden, vorausgesetzt, der Unfallfahrer hat vor lauter Operationen das Hochladen nicht vergessen.

Der zuständige Stadtbrandmeister hat sowas übrigens in 22 Berufsjahren noch nicht erlebt. Der Filmer wird das wohl als Lob auffassen und sich in der Narkose ängstigen, nicht mit drauf zu sein, wenn was passiert. Aber was spricht gegen Dashcams auf der Intensivstation?


0