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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Mal auf den Tisch hauen

Nicht umsonst wird das Wort Contenance gerne kombiniert mit dem Verb verlieren. Wie ein französischer Staatschef an seine Grenzen stößt, wenn man ihn tagelang mit Nicht-Gleichgesinnten Zeit verbringen lässt – auch das zeigt sich beim EU-Gipfel eindrucksvoll. Eben eine Frage der Contenance… Eine Glosse von Susanne Rohrer.

Von: Susanne Rohrer

Stand: 21.07.2020

„Contenance“ klingt auf Französisch toll, so melodisch und harmonisch. Haltung wahren, gerade in schwierigen Situationen, bedeutet es. Ist des Öfteren aber nur schwer durchzuhalten. Fragen Sie den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der Contenance ja zu seinen staatsmännischen Tugenden zählen sollte. Fällt mit der Faust auf den Tisch hauen - so wie in der langen Nacht in Brüssel am Wochenende geschehen - etwa unter Contenance?

Nun muss man einräumen, dass die Voraussetzungen für Contenance auch die denkbar schlechtesten sind. Tagelang eingesperrt mit einem Haufen Nicht-Gleichgesinnter, jeder auf sein eigenes Wohl bedacht und nur bereit von seiner Position abzuweichen, wenn es im Tausch andere Vorteile gibt. Ach, das klingt doch ganz nach Lockdown auf engem Raum zu Hause. Die ganze schwindlige Mischpoke auf einem Haufen und kein Entkommen. Da kann einem schon mal die Faust ausrutschen.

Und hier geht es ja nicht nur darum, wer mit Kochen dran ist, wer die Spülmaschine ausräumt und warum die Wäsche schon wieder in kleinen feuchten Haufen auf Sortierung wartet. Nein, beim EU-Gipfel geht es seit Freitag immerhin um eine Menge Kohle – bis zu 750 Milliarden Euro an Corona-Hilfen. Da wünscht sich sicher so mancher Teilnehmer die gute alte Videokonferenz zurück. Ohne Maske und Kamera - mit dem Freiraum, ganz unbeobachtet ein Käsebrot zu essen, die Schuhe auszuziehen und auf den Tisch zu hauen. Wobei das der russische Staatschef Chruschtschow seinerzeit ja auch in der UN-Vollversammlung VOR Publikum fertig gebracht hat – mit dem Schuh auf den Tisch zu hauen. Gilt hier: andere Länder, andere Sitten? In Taiwan zum Beispiel wird im Parlament, wenn´s mit den Argumenten nicht mehr läuft, auch mal mit Kissen geworfen oder mit vollem Körpereinsatz gerangelt.  

Wenn der deutsche Politiker die Contenance verliert, dann eher verbal

Da ist der deutsche Politiker deutlich zurückhaltender. Wenn er die Contenance verliert, dann eher verbal. „Geistiges Eintopfgericht“ ist die originelle Wortschöpfung von Herbert Wehner, ein "Schnauze, Iwan“ ist Franz Josef Strauß entglitten.

Und vergessen wir nicht Joschka Fischers „Sie sind ein Arschloch, mit Verlaub!“ Man darf ihn diesbezüglich sogar als Trendsetter bezeichnen, denn vor ihm fand das Arschloch keine Anwendung im Parlament, seitdem allerdings mehr als 30 Mal – sagen jedenfalls die Protokolle. Wobei halt, vielleicht ist da auch etwas im Umbruch, schließlich ist gerade Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow ebenfalls „handgreiflich“ geworden, wenn auch nur mit dem mittleren Finger. Ist das der Grund, warum unsere Kanzlerin sich im wahrsten Sinne des Wortes immer im Griff hat? Nicht auszudenken, was man aus dieser ihrer Handraute sonst so alles machen könnte…   


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