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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Lotto wird teurer

Ein Mensch kann alles sein, lieb, böse, fleißig, faul, dick und dünn. Was die Spezies „Mensch“ eint, sind die Merkwürdigkeiten, denen der Mensch anhängt. Zum Beispiel schauen Menschen dauernd aufs Handy obwohl es nicht klingelt und spielen Lotto, obwohl sie sehr sicher sein können, nicht zu gewinnen. Zum heutigen Tag werden die Lottoscheine teurer – der Liebe zum Lotto wird das kaum etwas anhaben können. Eine Glosse von Martin Zöller.

Von: Martin Zöller

Stand: 23.09.2020

Eines der unterhaltsamsten Kapitel im Biologieunterricht früher war jenes, in dem es um die sogenannten „Übersprunghandlungen“ ging. Berühmt ist das Beispiel von zwei Hähnen im Kampf. Wenn sie annähernd gleich stark sind, kann es passieren, dass sie sich zwischen den Optionen „Kämpfen“ und „Abhauen“ für etwas entscheiden, das für den Moment gar nicht passt: Sie fangen an, auf dem Boden herumzupicken. Als Mensch schüttelt man dann den Kopf und freut sich, wie schlau die eigene Spezies doch vergleichsweise ist.

Aber das ist natürlich falsch: Der Mensch, nicht das Tier, ist der König der Merkwürdigkeiten. Das zeigt sich nicht zuletzt an seiner Neigung zum Glücksspiel. Millionen Deutsche spielen regelmäßig Lotto, obwohl sie nie den Hauptgewinn holen, nie auf einer einsamen Insel leben und nie Ferrari fahren werden. Und obwohl es viel wahrscheinlicher ist, dass man vom Blitz erschlagen wird.

Ab heute wird das Lottospielen teurer, ein Kästchen auf dem Schein kostet nun 1 Euro 20 statt 1 Euro. Der höhere Einsatz soll höhere Gewinne ermöglichen. Und klar, je höher der Jackpot, desto häufiger ist Deutschland, wie es dann immer heißt, im „Lotto-Fieber“. Ich auch, manchmal. Wenn ich dann auch Lotto spiele, schaue ich erst zwei oder drei Tage später, welche Zahlen gewonnen haben. Zu sehr genieße ich die Vorstellung, möglicherweise schon ohne es zu wissen Multimillionär zu sein, aber sozusagen freiwillig noch zu arbeiten.

Auch was Übersprunghandlungen angeht, ist der Mensch mindestens so merkwürdig wie das Tierreich – und erfindet neue: Wo ich mich früher grübelnd am Kopf gekratzt hätte, schau ich jetzt völlig sinnlos auf’s Handy. Wie eine Fliegenklatsche kommt das Handy angerauscht und erschlägt geniale Gedanken bevor sie überhaupt gefasst sind. Wer weiß, wieviel Liebeserklärungen schon ausgeblieben sind, weil im entscheidenden Moment Er oder Sie vor Nervosität gemeint hat, aufs Handy schauen zu müssen? Hätte Goethe schon ein Handy gehabt, er wäre beim Faust vermutlich nicht über den ersten Satz „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten!“ hinausgekommen. Übrigens: Goethe hat mit dem Satz keine Wies’n- Heimgänger gemeint.

Das ständige Draufschauen aufs Handy macht schusselig

Das ständige Draufschauen aufs Handy macht schusselig, es wird immer schlimmer. Kürzlich lud mich ein Freund zum Käsefondue ein, was hatte er vergessen: den Käse. Vergangenen Samstag kauften wir ein Fass Bier, was vergaßen wir: den Zapfhahn. Eins werde ich allerdings nie vergessen, das sind die schon seit Jahrhunderten von Ahnen und Urahnen der Familie gespielten Lottozahlen: 1, 2, 19, 21, 43, 46. Wenn es also geht, die bitte nicht spielen. Und am besten natürlich gar nicht spielen. Lieber mal am Kopf kratzen. Klar, ist ne Übersprunghandlung. Aber kostet nix.


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