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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Lobbyisten werden immer jünger

Die Lobbyismus-Vorwürfe gegen den CDU-Jungstar Philipp Amthor könnten zum Karriereknick werden. Aber vielleicht hält die Kollegin aus dem Nachbarwahlkreis und derzeitige Kanzlerin ja ihre schützende Hand über ihn? Eine Glosse von Heinz Gorr.

Von: Heinz Gorr

Stand: 16.06.2020

Philipp Amthor "ist ein geiler Typ" - ja klar: …und "Brutus ist ein ehrenwerter Mann". Die erste Aussage sei überhaupt nicht ironisch gemeint, berichtet der SPIEGEL, vielmehr hätten die wichtigen Leute eines New Yorker Startups das total ernst gemeint mit ihrer Beurteilung des jüngsten CDU-Abgeordneten im Deutschen Bundestag und dem, was Amthor für ihr Business erreichen könne als einer der profiliertesten Vorzeigekonservativen. Warum hätten sie ihm sonst ein paar Tausend Aktienoptionen und einen Direktorenposten gegeben? Auch wenn sich die Methoden im Politalltag seit der römischen Antike gewandelt haben, geblieben sind die Ränkespiele, die offenen oder subkutanen Arten Einfluss zu nehmen auf die Herrschenden.

Mark Antons penetrantes Insistieren in Shakespeares Drama Julius Cäsar, die Cäsarenmörder um Brutus seien "ehrenwerte Männer", erreicht das genaue Gegenteil: das immer ironischer wirkende Lob verkehrt sich zur Anklage.

Nach heutigen Maßstäben käme das in etwa Angela Merkels Versicherung gleich: "Ich stehe voll hinter Philipp Amthor", wenn solche oder ähnliche Sätze fallen, sollte sich der gebürtige Ueckermünder besser gleich mit seinen transatlantischen Freunden kurzschließen und auf einen Austragsposten als Vorstand oder Berater pochen.

Es wäre jedenfalls Guiness-Buch-verdächtig früh für einen Karriereknick des ambivalenten Parlamentariers

Auch wenn er Aktien und Direktorensitz der undurchsichtigen Firma Augustus Intelligence jetzt zurückgegeben und die schon länger zurückliegende Lobbyarbeit als "Fehler" bezeichnet hat. Es wäre jedenfalls Guiness-Buch-verdächtig früh für einen Karriereknick des ambivalenten Parlamentariers, der einerseits als christdemokratischer Jungstar gilt, andererseits als "ältester 27-Jähriger der Welt" verlacht wird, von dem irgendjemand auf Facebook schrieb, er sei der David Bowie des Bundestags, während ihn Beobachter zugleich als "pervers penibel" einstufen.

Die entscheidende Frage ist aber, wie sich ein Harry-Potter-Brillen-affiner Hoffnungsträger mit einem Unternehmen einlassen kann, in dem unendlich viele Ex-Männer sitzen, um Künstliche Intelligenz und Gesichtserkennung zu vermarkten: Ex-Verfassungsschutzchef Maaßen, Ex-BND-Chef Hanning, Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg: ausrangierte Verantwortungsträger der Bundesrepublik, die im 77. Stock eines New Yorker Wolkenkratzers residieren? Das fühlt sich ungefähr so an wie die greisen Muppets Statler und Waldorf als Zugpferde einer coolen Jugendshow im Fernsehen. Oder wie der Ehrenname Augustus, "der Erhabene", für eine Intelligence Inc. in Manhattan.


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