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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Links und rechts

Dreißig Prozent aller Fahrer geben einer Umfrage zufolge ihrem Auto einen Namen, selten allerdings einen schmutzigen. Warum aber taufen die Betroffenen keine Staus, obwohl sie mit ihnen doch fast genauso lang zusammenleben? In München jedenfalls stehen PKW-Nutzer 140 Stunden pro Jahr in der Schlange, einspurig wie mehrspurig. Jede Menge Zeit zum Reden – sogar über die Nebelschlussleuchte hinaus! Eine Glosse von Peter Jungblut.

Von: Peter Jungblut

Stand: 13.02.2019

Vierzig Prozent aller Deutschen reden mit ihrem Auto, meldet ein Marktforschungsinstitut, und immerhin dreißig Prozent geben ihm sogar einen Namen, in der Regel wohl keinen schmutzigen. Das heißt natürlich umgekehrt, sechzig Prozent reden mit dem Beifahrer und siebzig Prozent wissen nicht, wie er heißt. Das stört passionierte Autofahrer aber nicht, denn sie wollen sich ja auf die Straße konzentrieren und nicht auf Antworten. Folglich reden sie ohne Punkt und Komma, aber mit Vorfahrt, weshalb nicht wenige die Richtgeschwindigkeit von 130 Silben auch innerorts überschreiten.

Manche sind nicht mal in Spielstraßen zu bremsen, andere quatschen sogar über die Nebelschlussleuchte hinaus, vor allem, wenn Radfahrer oder Fußgänger in der Nähe sind. Dafür schweigen sie aus Rücksicht auf den Wagen meist bei der Parkplatzsuche. Es gibt ja Autos, die wollen nicht, dass in ihrer Gegenwart von ihrer Länge und Breite gesprochen wird und schon gar nicht, dass sich andere darüber austauschen, ob sie hier oder da reinpassen. Wie jeder andere sind sie dagegen für Komplimente dankbar, etwa, dass man ihnen die Winterreifen nicht ansieht oder den Wendekreis nicht zugetraut hätte. Am liebsten freilich lassen sie sich beim Einordnen hinterher hupen, dann halten sie sich für was Besonderes, ein Gefühl, das sie am Fließband nie hatten. Mit Leuten, die ihnen sympathisch sind, verschwinden Autos bekanntlich auch tagsüber gern mal in der Tiefgarage. Fahrer reden gern darüber, aber nicht dabei, was wohl mit der anschließenden Rechnung zu tun hat.

Kein Wunder, dass das Marktforschungsinstitut herausgefunden hat, dass tatsächlich ein Drittel aller Autofahrer Trennungsschmerz empfindet, wenn sie ihr Fahrzeug verkaufen, kein Witz! Motorgeräusche lösen bei vielen Befragten angeblich Emotionen aus, vor allem, wenn etwas „hake, klemme oder stottere“.

Reichlich Anlass, über unser Verhältnis zum Auto mal gründlich nachzudenken

Ob das auch für Beifahrer gilt, die solche Töne von sich geben, wurde nicht abgefragt, obwohl deren Reparaturkosten doch in der Regel viel höher ausfallen. Aber wenn Passagiere ruckeln, glauben Fahrzeughalter wahrscheinlich, dass liegt immer an der Sitzheizung und nehmen das nicht richtig ernst.

So oder so sind die aktuellen Umfragezahlen reichlich Anlass, über unser Verhältnis zum Auto mal gründlich nachzudenken, und die gute Nachricht: Das ist nirgendwo einfacher als in Berlin! Dort stehen Betroffene nach einer aktuellen Erhebung nämlich jährlich 154 Stunden im Stau, in München sind es immer noch 140, und trotzdem, und das ist jetzt wirklich verwunderlich, geben die Autofahrer diesen Staus keine Namen, obwohl sie so lange mit ihnen zusammenleben.

Dabei könnte der stehende Verkehr doch im jährlichen Wechsel männliche und weibliche Vornamen tragen, je nachdem, ob er mehrspurig oder einspurig ist. Ist doch auch eine schöne Gedenkidee für Pendler, die damit ihre Schwiegermutter oder ihren Chef grüßen könnten. Reden Sie mal in Ruhe mit ihrem Wagen darüber!