Bayern 2 - radioWelt


0

Ende der Welt - Die tägliche Glosse Lesen und dann versenken: Bücher

In Sulzbach am Main hat ein Rentner Bücher versenkt, womöglich sogar selbst geschriebene. Die Polizei ermittelt und will von den Romanen erst mal Phantom-Zeichnungen anfertigen, von den Sachbüchern Kreideumrisse. Die Gerichtsmedizin ist an den Schutzumschlägen dran, denn wenn Bücher mit Wasser in Berührung kommen, können Schüler und Studenten mit Mikro-Germanistik verseucht werden. Mitunter tritt sogar die Fantasie über die Ufer. Eine Glosse von Peter Jungblut.

Von: Peter Jungblut

Stand: 19.02.2020

So ändern sich die Zeiten: Früher versenkten wir uns in Bücher, heute versenken wir Bücher. Das eine macht allenfalls blass, das andere mit Sicherheit nass. Das musste kürzlich ein älterer Herr erfahren, der stapelweise Schriften in einem Gewässer bei Sulzbach am Main entsorgte, wobei der pensionierte Lehrer nach Angaben der Polizei die fraglichen Bücher möglicherweise sogar selbst geschrieben hat.

Jedenfalls wird diesbezüglich ermittelt. Vermutlich werden von den Romanen erst mal Phantomzeichnungen angefertigt und von den Sachbüchern Kreide-Umrisse. Vielleicht erkennt ja ein Passant das Oktavformat wieder. Ansonsten muss halt die Gerichtsmedizin eine Autopsie vornehmen, der Schutzumschlag wird ja vor der Entsorgung immer sorgfältig vernäht, wie wir aus dem „Tatort“ wissen.

Der mutmaßliche Autor bekommt auf alle Fälle Ärger mit dem Wasserhaushalts- und dem Kreislaufwirtschaftsgesetz, wie die Behörden mitteilten. Manche Texte sind ja biologisch schwer abbaubar und noch nach Jahrhunderten als Mikro-Germanistik nachweisbar, wenn auch nicht in Fischen, so doch in Schülern und Studenten. Die gehen bekanntlich häufig baden, wenn´s um Literatur geht, und geraten auf Nachfrage nicht selten ins Schwimmen, da sollte das Wasser natürlich nicht auch noch von Buchstaben verunreinigt sein, die vorsätzlich verklappt wurden. Franz Kafka warf seine Werke ja auch nicht in die Moldau, sondern wollte sie feuerbestatten, weil er wusste, dass ansonsten Herausgeber ertrinken und Leser hinein gesogen werden könnten.

Schon ein Buch kann verhängnisvolle Strudel auslösen, mehrere sogar Stromschnellen, ja sogar die Fantasie über die Ufer treten lassen. Obwohl, bei einem pensionierten Lehrer wohl doch eher die Erinnerungen. Na gut, besser die gehen ins Wasser als der Autor, denn der ist in der Regel ungedruckt und hat somit seine ganze Auflage noch vor sich. Stimmt, es glauben heutzutage immer weniger Leute an den Verleger im Himmel, sondern mehr an ihr Talent im Gewimmel, aber deshalb gehen sie doch regelmäßig zur Buchmesse und halten sich für unsterblich.

Schlimm wäre es natürlich, wenn sich aus den bei Sulzbach entsorgten Büchern einzelne Wörter oder Satzzeichen lösen würden

Schlimm wäre es natürlich, wenn sich aus den bei Sulzbach entsorgten Büchern einzelne Wörter oder Satzzeichen lösen würden, diese fiesen, kleinen Dinger bleiben ja überall hängen, sogar an Menschen, die nicht mal blättern, geschweige denn lesen, sondern nur T-Shirts kaufen. Darauf können sich Buchstaben zwar nicht vermehren, aber unkontrolliert vergrößern, was an sich schon riskant ist, denn dann passen sie mitunter nicht mal auf die Brust, geschweige denn in den Kopf.

Angler am Sulzbacher Kleewiesenweg sollten also aufpassen, dass sie in nächster Zeit nicht einen verstümmelten Absatz oder ein ramponiertes Kapitel am Haken haben. Auf keinen Fall selbst lesen, sondern die Polizei alarmieren! Die kennt sich mit spannenden Stellen aus und weiß in der Regel, wie´s ausgeht. Wer unbedingt was in der Hand haben will, kann es ja mit dem Wasserhaushalts- und dem Kreislaufwirtschaftsgesetz versuchen.


0