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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Leben im Auto

Papa macht Elternzeit, Mama arbeitet, Papa kocht, Mama spielt Fußball. So fortschrittlich wir im Alltag sind, so konservativ geht es jetzt in der Urlaubszeit auf bayerischen Autobahnen zu: Papa fährt, Mama reicht den Kaffee oder Gummibärchen. Ist das ein Problem? Oder egal? Aber wie lange gibt es eigentlich noch Beifahrer, wenn Autos bald von alleine fahren? Eine Glosse von Martin Zöller.

Von: Martin Zöller

Stand: 17.04.2019

Einer der konservativsten Orte, an denen in diesen Tagen menschliches Leben stattfindet, ist das Auto. Da kann die Frau mehr verdienen als der Mann, Papa zwei Jahre Elternzeit machen und mit den Kindern Ballett tanzen – in den kommenden Tagen des Osterreiseverkehrs wird all das zunichtegemacht. Das moderne Familienbild gerät im Stau ins Stocken.

Denn egal wo, Sie in den nächsten Tagen stehen werden, bei Würzburg-Kist, am Autobahnende in Eschenlohe oder im Hofoldinger Forst – größtenteils wird es so sein: Papa fährt – und Mama sitzt daneben, sortiert Butterbrote, reicht die Kaffeetasse und den Kindern Gummibärchen. Ist unser fortschrittlicher Alltag einfach nur Theater? Oder gefällt es uns so? Jedenfalls ist es bemerkenswert, wie oft die Verteilung genau so ist und die Kinder im Urlaubsverkehr stundenlang beste Sicht auf eine Rollenverteilung haben, nach deren Muster auch schon Familie Feuerstein in Urlaub gefahren wäre. Der Fortschritt trägt dabei zum Rückschritt bei: Die Beifahrerin kann in Zeiten von Navis und Routenplaner-Apps nicht mal mehr damit punkten, mit der Landkarte in der Hand selbst den schnellsten Weg ans Urlaubsziel anzusagen, zumal sich gleich Siri dazwischendrängelt und ankündigt, die Route zu ändern. Die moderne Familienpolitik, sie geht am Irschenberg den Bach runter.

Gespannt sein darf man natürlich auf das autonome Fahren

Hoffnung auf eine Aufwertung des Daseins als Beifahrer macht die Schweiz. Denn der hier geltende Strafenkatalog führt dazu, dass der Spezies wieder eine erhöhte Bedeutung zukommt: Der warnende Hinweis „Hier ist 30, Schatz, nicht 100!“ kann einen Fahrer in der Schweiz vor einem Jahr Gefängnis bewahren, übrigens auch Polizisten. Kürzlich wurde in Genf ein Polizist verurteilt, weil er mit erhöhter Geschwindigkeit einem Verbrecher hinterherjagte. Künftig wird die Kollegin vom Beifahrersitz aus sagen: „Lass ihn laufen, hier ist Tempo 30!“. Und vom Fahrersitz wird es heißen: „Gut, dass ich Dich dabei hab!“

Doch das reicht noch nicht: Zusätzlich sollten in Deutschland neue Warnhinweise an den Autobahnen angebracht werden: Nicht mehr nur „anschnallen!“ oder „Pause!“ sondern auch Sprüche wie: „Auch Papa darf mal Beifahrer sein!“ oder augenzwinkernd „Papa, gib Gummibärchen!“

Gespannt sein darf man natürlich auf das autonome Fahren. Wenn uns in 50 Jahren kuschelige Elektroauto-Höhlen in den Urlaub bringen, werden die Karten neu gemischt. Fahrer, Beifahrer, Mitfahrer – alle sind gleich. Wie sang die deutsche Nationalmannschaft bereits 1990 so schön: „Wir sind schon auf dem Brenner - wir brennen schon darauf!“ Bis dahin: Bitte einen Kaffee und gute Fahrt!


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