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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Kuscheln am Strand

Die Windhunde unter den Touristen können es kaum fassen, wie sie sich auf Mallorca nach allen Richtungen drehen und wenden und doch ohne Körperberührung zum Nebenmann bleiben. Aber der Mensch, das Herdentier, sucht die Masse. Was mit der Kuschelgruppe anfängt, endet im Kitzloch oder am Ballermann. Eine Glosse von Georg Bayerle.

Von: Georg Bayerle

Stand: 18.06.2020

Ob man will oder nicht, die vergangenen Monate haben bei uns allen wieder das Gefühl für soziale Distanz geschärft, das in anderen Zeiten ja auch als Umgangsform verinnerlicht war. Es ist im Übrigen interkulturell höchst unterschiedlich: empfindet die oder der Deutsche alles unter einem halben Meter Abstand zur anderen Person als intim, so gelten in Brasilien 30 Zentimeter als angenehm und völlig normal. Was darüber liegt wird als zu distanziert empfunden – sicher keine vorteilhafte Gewohnheit in Corona-Zeiten.

Während die neue Virus-Distanz hierzulande geradezu eine Erholung von dem vom Wortfeld „aufdringlich“ umschriebenen Näheverhalten bewirkt hat. Endlich Schluss mit dem widerlichen Dauergebusserl und obligatorischen Freundschaftsumarmungen, die besonders unter Männern zur Manier geworden sind. Köstliche Leere und Einsamkeit umgaben uns. Und Mancher hat die sonst verschüttete andere Seite seiner Persönlichkeit entdeckt; die sonst im Lockdown ihrer Hochsicherheitslabors ergrauenden Virologen sind plötzlich zu scheinwerfergeilen Rampensäuen mutiert, die einmal in ihrem Leben alle anderen wegsperren konnten. Die Windhunde unter den Touristen aalen sich jetzt auf verlassenen Stränden in Malle und können es kaum fassen, wie sie sich nach allen Richtungen drehen und wenden und doch ohne Körperberührung zum Nebenmann bleiben.

Es ist die Zeit der Misanthropen, der Menschen- und Nähehasser. Und es ist die Zeit, wo all die Exzesse der Vor-Corona-Zeit auf einen Schlag abgestellt waren: Delphine schwimmen in Venedig statt stinkenden Riesenpötten, es gab Platz in Prag und auf den Straßen.

Der Mensch: ein Herdentier, er sucht die Masse

Gab, denn Achtung: Malle macht den Anfang, Ischgl und alle anderen folgen. Denn der Mensch: ein Herdentier, er sucht die Masse. Heute sind es noch 10.000, morgen wird es eine Million sein in Mallorca.

Was mit der Kuschelgruppe anfängt endet im Kitzloch oder am Ballermann. Die unterdrückte Libido gärt schon wieder unter dem feinen Häutchen der sozialen Distanz. Die Virologen werden wieder in ihre dunklen Laborkeller zurückkehren, verschlossen hinter Sicherheitstüren mit den für das menschliche Auge unsichtbaren kugel- oder stäbchenförmigen Mikroorganismen auf Du und Du sein. Während oben im Scheinwerferlicht die Micki Krauses dieser Erde am Ballermann ihre dumpfen Versionen des stupiden Donaulieds zum Besten geben. Ja, der Sommer wird wieder heiß.


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