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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Kanzlerin im Kabinett

Schloss Herrenchiemsee ist Versailles für Arme. Und immer noch nicht fertig. Für den Besuch der Kanzlerin bei Bayerns Kabinett aber die passende Kulisse: An Frankreichs Nationalfeiertag so französisch wie es geht. Eine Glosse von Gregor Hoppe.

Von: Gregor Hoppe

Stand: 14.07.2020

Wie daneben und aus der Zeit gefallen die Bauten des bayerischen Märchenkönigs waren, erkennt man schnell: Neun Jahre nach dem ersten Spatenstich für Schloss Herrenchiemsee begann 1887 in Paris die Errichtung des Eiffelturms. Der war nach zwei Jahren fertig, Herrenchiemsee wird es wohl gar nicht mehr, ist aber auch in seinen Rohbau-Teilen beeindruckend, wie es heißt. Ludwig II. wohnte nur wenige Tage seines Lebens dort, in dieser Kleinkopie der Palastanlagen von Versailles nahe Paris. Deren wichtigsten Erweiterer, Sonnenkönig Ludwig XIV., verehrte doch unser Kini so sehr. Und für die eigenen Schlösser – und die Musik von Richard Wagner – hatte er schon vorher Bayerns Unabhängigkeit an den Oberpreiß´n Otto Fürst von Bismarck behufs Reichsgründung verschnalzt.

Das ist, zugegeben, alles schon sehr lange her, und es sind inzwischen weit schlimmere Zeiten zu überstehen gewesen, sodass wir Deutsche auf Herrenchiemsee und seinen dort 1948 stattgehabten Verfassungskonvent heute dankbar zurückblicken. 

Aber aufgepasst, Ihr königstreuen Guglmänner, nostalgisch verknallt in die weiß-blaue Monarchie! Heute kommt die naturwissenschaftlich-nüchterne Bundeskanzlerin Angela Merkel, die an der Waterkant geborene Steuerfrau aus der Uckermark, um auf der Insel nach dem Rechten zu sehen. Sie wird dort einer Sitzung des geschlossenen freistaatlich-bayerischen Kabinetts beiwohnen.

Termin und Location des Treffens könnten beziehungsreicher kaum sein: Am 14. Juli weiß man den französischen Staatspräsidenten Macron sicher bei den Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag in Paris, also hat die Kanzlerin mal Zeit für den bayerischen Ministerpräsidenten. Wer in der Kulisse von Schloss Herrenchiemsee zu viel Prunk erkennt, sich vielleicht erinnert fühlt an Söders Gondelfahrt auf dem Nymphenburger Kanal im April vor 5 Jahren, als er noch ein aufstrebender Heimatminister war, sollte beachten, dass der 14. Juli für das Ende und nicht den Anfang des Gottesgnadentums in Europa steht.

All zu viel Ehrfurcht vor Majestätischem wäre wenig bayerisch

Insofern wird es Söder an einem solchen Tag auch leichtfallen, alle höheren Ambitionen glaubhaft von sich zu weisen. Seite an Seite mit der Kanzlerin wird er, bei ungünstiger Witterung, die Ergebnisse des Treffens im sogenannten „Ochsenaugensaal“ des Schlosses der Presse mitteilen. „Ochsenaugen“ nennt man, auch in Versailles, die Licht- und Luftdurchlässe, die als breitovale Fenster zwischen die Verbindungstüren und die Prachtplafonds „neibazd“ wurden. Entschuldigens´ den Ausdruck! Aber all zu viel Ehrfurcht vor Majestätischem wäre wenig bayerisch. Max I. Joseph, den ersten König Bayerns, begrüßte beim Einzug in München bekanntlich ein begeisterter Zuschauer mit „Ja, Maxl, dass d´ nur grad da bist!“  


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