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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Kalorienfreier Genuss hinter Heckenwildwuchs

Wenn Lockdown und Verordnungen zusammenfallen, kommt das für manche gerade recht. Eine Glosse von Susanne Rohrer.

Von: Susanne Rohrer

Stand: 02.03.2021

Ich möchte mich gerne gleich entschuldigen, wenn Sie die folgende Information zu spät erreicht. Aber sollten Sie gestern unter den ersten gewesen sein, die im Baumarkt waren und dort eine hochwertige Akkuheckenschere mit sagen wir einer Schnittstärke bis zu 23 mm, einer Schnittlänge von 75 cm und einer sensationellen Akkuspannung von 36 Volt erworben haben – ja, da schlägt das Heimwerkerherz höher - dennoch: packen Sie sie wieder weg! Seit gestern ist zwar das Schneiden Ihres Haupthaares beim Friseur wieder erlaubt, nicht mehr aber das Schneiden Ihrer Hecke. Sagt der Paragraph 39 Absatz 5 Bundesnaturschutzgesetz. Begründung: Sie könntenLebensstätten wild lebender Tiere und Pflanzen ohne vernünftigen Grund zerstören.

Es ist also ein bisschen wie an Ostern – bevor Sie der Hecke auch nur ein Zweiglein krümmen, schauen Sie zuerst, ob sie ein Nest finden. Erlaubt sind maximal noch schonende Form- und Pflegeschnitte – aber dazu können Sie auch Ihre Haarschere nehmen – da müsste sich nach Informationen der Drogeriemärkte auch in Ihrem Haushalt eine finden, schließlich ist hier der Absatz in den letzten Monaten um das Vierfache gestiegen.

Aber mal unter uns: für mich kommt diese Verordnung gerade zur rechten Zeit. Was wird mir – und nicht nur mir - nicht alles erspart bleiben. Der unausweichliche Neid auf die top gepflegte Terrasse und die exakt angelegte Blumenrabatte nebenan.  Dazu die natürlich schneckenfreien Tomatenpflanzen im Hochbeet, die Gartenzwergearmada sowie der ständige Wechsel zwischen Bayern und Bierfahne, je nach Anlass, versteht sich. Verschwindet – wenn die Hecke nur hoch genug bleibt. Im Gegenzug verschone ich die Nachbarn mit meiner Bikinifigur  - korrekt müsste es heißen: meiner Corona-also-nicht-Bikinifigur. Bei anderen Temperaturen könnte ich locker als Schneemann durchgehen – und zwar farblich wie förmlich.

Im zweitgrößten Zuckerrübenanbaugebiet Deutschlands wird an Zucker ohne Kalorien gearbeitet

Gestern habe ich zum ersten Mal Werbung für Mode in Übergrößen erhalten – und nein, ich glaube nicht an Zufälle. Trösten kann da auch nicht die Meldung, dass im zweitgrößten Zuckerrübenanbaugebiet Deutschlands an Zucker ohne Kalorien gearbeitet wird – Allulose heißt der. Das Zulassungsverfahren läuft bereits, wird zu meiner Rettung aber deutlich zu spät kommen.

Neulich habe ich tatsächlich einen Laster beneidet. Der hat auf der Autobahn auf einen Schlag 7 Tonnen verloren – mir würde schon ein Bruchteil reichen. Deswegen mein Appell, auch in eigener Sache: lassen Sie der Natur freien Lauf, lassen Sie sie wachsen und gedeihen. Und machen wir doch das heitere Geräuscheraten aus Nachbarsgarten zum Spiel des Jahres 2021: ist das eine Amsel oder doch der  Blockflötenunterricht, quietschender Rasenmäher oder Teenagerbesuch? Springbrunnen im Zierteich oder halt doch…nur was Ähnliches.


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