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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Jakobsradpilgerwege

Rechtzeitig zu Ostern ist der erste von sieben bayerischen Radpilgerwegen eingeweiht. Damit auch die Kniewunden und Lahmen unter uns das Bach´sche Osteroratorium auf den Lippen radlpilgern und aus voller Brust singen: „Kommt, eilet und radelt, ihr flüchtigen Beine“! Eine Glosse von Johannes Marchl.

Von: Johannes Marchl

Stand: 06.04.2021

Und wieder hat Deutschland einen Weltrekord aufgestellt und es damit ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft! Und ich spreche hier nicht von dem extrem sportlichen Mann aus Bruchköbel, der mit 37-Tagen den längsten Triathlon ever hinlegen wollte – unter anderem 200 Kilometer schwimmen! Und auch nicht vom Weltrekord im Fingerschnipsen, den Niclas Nadasty aus Bamberg aus dem Handgelenk schüttelte: 688 Fingerschnipser in einer Minute! Wir prophezeien dem Bayerischen Schüler übrigens eine große Zukunft und hoffen, dass er bald wieder im Präsenzunterricht trainieren kann! Und wünschen außerdem arthrosefreie Jahre des Alterns – Stichwort unter uns älteren Semester: Discofinger.

Nein, bei dem neuen Guinnessrekord fährt eine Modelleisenbahn knappe sechs Minuten lang. Und wenn Sie jetzt sagen: Sechs Minuten, das könnte meine Modelleisenbahn auch, wenn ich eine besäße, dann haben Sie zwar wahrscheinlich Recht, aber nicht bedacht, dass bei dieser Modelleisenbahn an der Elektro-Lok zwei kleine Klöppel montiert sind. Die schlagen beim Fahren gegen Gläser - verschieden hoch mit Wasser gefüllt. Eine Melodie erklingt! Ein Klassikmedley, vielleicht sogar das Bach´sche Osteroratorium… „Kommt, eilet und laufet!“ Ein Weltrekord ist uns geboren! The longest Melody played by a model Train… Guinnessbuch der Rekorde! Der Zug hält übrigens nach der Rekordfahrt vor einem Modell des Vatikan auf der Modelleisenbahnanlage.

Könnte man jetzt sagen: Klar – weil alle Wege führen ja nach Rom, gerade an Ostern… - wenn da nicht der leere und gesperrte Petersplatz wäre und der im Verhältnis recht mager besetzte dazugehörige Petersdom, beim Urbi et Orbi… Und mit den Pilgerwegen ist es auch schon längst nicht mehr so, alle nach Rom… Nehmen wir den gestern eingeweihten Jakobs-Radpilgerweg. Der geht zum Beispiel von Ansbach nach Ulm. Der erste von sieben neuen Jakobsradpilgerwegen. „Radfahren mit Sinn und allen Sinnen“ heißt dieses Projekt, übrigens der evangelischen Kirche – wobei es ist ja für beide Kirchen nur recht und billig ist, sinnvolle Projekte aufzusetzen.

Weil ohne Karte, sag ich gleich: verratzt ist man

Vielleicht können ja bei so einer Pilgerfahrt der ein oder die andere auf Austritt Wartende wieder zurück geholt werden in den Schoß der Kirchen. Wie auch immer: es ist eine Erleichterung, vor allem für die Kniewunden und Lahmen unter uns, wie mich zum Beispiel, dass man jetzt auch Radl-pilgern kann. 2000 Kilometer Länge insgesamt. Und sowohl ausgestattet mit GPX-Tracks- für die Digital-Native-Pilgrims, als auch Karte und Beschilderung für die analog E oder auch nicht E-bikenden. Weil ohne Karte, sag ich gleich: verratzt ist man.

Denn wenn da nur so eine Jakobsmuschel ohne alles hängt, dann könnte das allein in Franken der fränkisch-schwäbische Jakobsweg, der Steigerwälder Jakobsweg, der Oberpfälzisch-fränkische, der Mittel oder Oberfränkische Jakobsweg, der Coburg-Nürnberger oder Nürnberg-Eichstätter Jakobsweg oder der Jakobsweg Fichtelgebirge sein – und das war jetzt definitiv ohne Anspruch auf Vollständigkeit… Ach, ich seh` uns ja schon: spätestens am nächsten Ostersonntag, wenn dann hoffentlich alle sieben Radpilgerwege eingeweiht sind, in die Pedale tretend und das Osteroratorium auf den Lippen, in leichter Abänderung:  Kommt, eilet und radelt, ihr flüchtigen Beine, erreicht die Höhle, die Jesum bedeckt! Und für die Tenöre unter uns geht es weiter im Original: „Hier seh ich mit Vergnügen, das Schweißtuch abgewickelt liegen.“


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