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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Goldene, giftige und andere Tapeten

Kleider machen Leute. Und Tapeten machen Politik. Denn alles Private ist auch politisch – da bildet die Inneneinrichtung keine Ausnahme… Eine Glosse von Thomas Koppelt.

Von: Thomas Koppelt

Stand: 05.05.2021

Du bist, was du isst, behauptet der Volksmund – und hat nur teilweise recht, denn natürlich bist du auch, was du bewohnst. Wenn wir uns den vermeintlichen Putin-Palast am Schwarzen Meer vor Augen führen, dann sind deutsche Politikerinnen und Politiker vor allem eines: bescheiden. Hierzulande hast du als Bundespräsident schon einen Skandal am Hacken, wenn du deinen hässlichen Klinkerklotz mit einem schwindligen Kredit finanzierst. Um auch etwas Positives über das einstige Domizil von Christian Wulff zu sagen: Es war ein Haus, das nicht auffällt. Und zumindest aus ästhetischer Sicht äußerst… bescheiden.

Es geht aber noch bescheidener: Ursula von der Leyen nächtigte als Verteidigungsministerin oft in einer kleinen Kammer neben ihrem Büro, genauer gesagt: in einem "7 Quadratmeter großen Durchgangsraum zum Sanitärbereich", sprich: zum Klo. Wenn man aus derart prekären Wohnverhältnissen kommt, ist es kein Wunder, dass man im Palast des Sultans nicht den besten Platz angeboten bekommt. Auch andere Ministerinnen und Minister wohnen nach eigener Aussage bisweilen im Büro. Wieder andere heißen Jens Spahn und stehen eher auf Villen – aber hey, wir leben in Deutschland, hier herrscht Wohnfreiheit.

Angela Merkel zum Beispiel hätte ins Kanzleramt ziehen können, blieb aber in einem Mietshaus gegenüber der Museumsinsel. Wie es in ihrer Wohnung aussieht, weiß man nicht. Fototermine absolviert sie meist vor einer neutralen blauen Kunststofftapete. Vielleicht wäre es lohnenswert, mal eine politische Kulturgeschichte der Tapete zu verfassen.

Woran Napoleon heute vor 200 Jahren gestorben ist, wird man vielleicht nie mit Sicherheit rekonstruieren können. Eine Theorie aber lautet, er sei von seiner eigenen Tapete vergiftet worden. Im Wandbehang seiner Exil-Unterkunft auf St. Helena hat man arsenhaltige Farbe nachgewiesen: Schweinfurter Grün. Später wurde es als Pflanzenschutzmittel eingesetzt.

Als Helmut Kohl 1982 den geistig-moralischen Tapetenwechsel in der Bundesrepublik einläutete, ließ er Seidenstoff über die kahlen Backsteinwände des Bonner Kanzlerbungalows ziehen. Ein erster verräterischer Hinweis auf halbseidene Spendendeals? Und mit was tapezierte Markus Söder sein Jugendzimmer? Wir erinnern uns: mit einem Franz-Josef-Strauß-Poster. Spätestens da war doch klar, was der Mann noch vorhat.

Auch in Großbritannien wird derzeit viel über Tapeten gesprochen

Auch in Großbritannien wird derzeit viel über Tapeten gesprochen. Über goldene. Boris Johnson hat Downing Street luxusrenovieren lassen, für etwa 200.000 Pfund und offensichtlich nicht aus freien Stücken, sondern auf Drängen seiner Verlobten Carrie Symonds: "Sie kauft goldene Tapeten", soll der britische Premier seinen Mitarbeitern verraten haben. Die Frage ist nun: Wer hat die goldenen Tapeten bezahlt? Ein geheimer Spender? Und was hat Carrie Symonds – Spitzname auf Twitter: Carrie Antoinette – ansonsten noch bestimmt?

Insidern zufolge soll sie auch auf politische Entscheidungen und Personalfragen Einfluss nehmen. Und so muss sich Boris Johnson noch eine weitere unbequeme Frage gefallen lassen: Regierst du noch, oder tapezierst du nur?


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