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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Ghosting - Die Lösung für Vatertagsgeschenke

Geschenke sind immer schön, vor allem selbstgemachte der lieben Kinderlein! Aber was tun, wenn die Muttertags- und Vatertagsgeschenke qualitativ überschaubar, aber quantitativ unüberschaubar sind und Tische und Fensterbänke belagern? Dann hilft nur eins: elegantes verschwinden lassen. Eine Glosse von Martin Zöller.

Von: Martin Zöller

Stand: 20.05.2020

Eine der staunenswertesten Heldentaten des Herkules‘ war ja das Ausmisten des Augias-Stalles, schließlich gelang es ihm der Legende nach, den Frühjahrsputz in einem schrecklich, mit Verlaub, verschissenen Schafstall, dadurch zu regeln, dass er kurzerhand einen Fluss um- und durch den Schafstall hindurchleitete.

Vor ähnlichen Herausforderungen, noch gesteigert durch Gewissensbisse, steht man als Eltern in den Tagen nach dem Mutter- oder dem anstehenden Vatertag: Was tun mit den zweifellos lieb gemeinten, aber nicht immer als Frühwerk eines späteren Picassos zu erkennenden Meisterwerken? Mit den aus Pappkarton geschnittenen Herzen, mit den Klopapier-Flechtarbeiten oder dem liebevoll angelegten Nacktschnecken-Zoo. Und nicht zu vergessen: was tun mit den Werken, die in Schule und Kindergarten gebastelt wurden, von der kleinen X oder dem kleinen Y überreicht werden, bei denen aber in Wirklichkeit sichtbar die Lehrerin Stift und Schere geführt hat?

Das Geheimnis heißt: verschwinden lassen. Das liegt ja auch bei Menschen im Trend, da nennt man das „Ghosting“. Eben noch da, dann weg, frei nach „Ich muss mal eben Zigaretten holen gehen.“ Nur durch das Verschwindenlassen vermeidet man, dass Kinder durch ein öffentliches Wegschmeißen ihrer Kunstwerke ein Trauma bekommen, das man irgendwann in der Pubertät aufgetischt bekommt. Das Talent dafür habe ich vermutlich von meinen Eltern geerbt, denn den selbstgemachten Nagellack, den ich Mitte der Achziger Jahre aus Uhu und Marmelade herstellte und zum Muttertag verschenkte, habe ich auch nie mehr gesehen.

In den seltensten Fällen vermissen die Kinder ihre eigene B-Ware

Wichtig: „verschwinden lassen“ heißt nicht „sofort wegschmeißen“. „Verschwinden lassen“ heißt, dass sich das Kunstwerk langsam von der großen Bühne verabschiedet und vom großen Wohnzimmertisch erst auf die Fensterbank und schließlich in den Keller umzieht. In den seltensten Fällen vermissen die Kinder ihre eigene B-Ware, wenn ich das so hart sagen darf. Manchmal aber doch. Liegt die aus Salzteig geknetete Katze noch nicht in der Tonne sondern noch im Keller, kann man dann sehr leicht sagen: „Das habe ich zu den besonders schützenswerten Kunstwerken in den Keller getan, das machen die großen Museen auch so“.

Meistens jedoch geraten diese einmal in den Keller getragenen Werke auch bei den Schöpfern schnell in Vergessenheit, dann folgt unweigerlich der Gang zur Galerie des Amts für Abfallwirtschaft, die draußen vor dem Haus steht, Sie verstehen, was ich meine. Klinge ich zu kalt? Nein, glücklich macht mich das nicht.

Es bräuchte eine Initiative, die solche Kinderbilder, die nicht super, aber ok sind, rettet, so wie krumme Karotten oder Gurken. Man könnte diese Bilder in finsteren Unterführungen aufhängen, in endlosen Bürogebäude oder sonstigen Betonwüsten. Wer eine solche Initiative „Rettet die B-Waren-Kunstwerke von Kindern“ gründen möchte, er kann gerne gleich in den nächsten Tagen, sobald der sogenannte Vatertag vorbei ist,  bei mir vorbeikommen  - Anhänger oder LKW nicht vergessen, Danke!


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