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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Gehen dem Bundestag die Kulis aus?

Mit welchen Kugelschreibern sollen unsere Politiker auf Konkurrenten zielen, mit welchen Minen ihre Karriere absichern? Der Bürobedarf-Lieferant des Bundestages ist pleite! Tintenpatronen könnte zur Not noch die Bundeswehr beisteuern, aber wo bekommt die FDP Anspitzer her, die CSU Etiketten, die SPD ein Vergrößerungsglas, die Grünen Leuchtstifte und die AfD Versandtaschen, notfalls braune? Gut, dass Angela Merkel mit Sicherheit die Klebestifte nicht ausgehen! Eine Glosse von Peter Jungblut.

Von: Peter Jungblut

Stand: 14.08.2019

Ein reines Gewissen ist ja immer noch ein sanftes Stempelkissen, und so richtig genießen lässt sich des Lebens Fülle doch eigentlich nur mit Klarsichthülle, wusste schon so ein aufrechter Mann wie Hans-Jochen Vogel.

Jedenfalls schlief die SPD damals besser. Selbst die Unionsparteien waren deutlich friedlicher, als sie Thomas de Maiziére noch als Büroklammer zusammenhielt, jedenfalls herrschten geheftete Verhältnisse. Und Helmut Kohl ist ja sogar als Briefbeschwerer in die Geschichte eingegangen – jedenfalls bekam die Spendenquittungen keiner mehr auseinander.

Also nichts gegen Büromaterial, es hat ganze Parteien am Kuvertieren und Regierungen am Kopieren gehalten! Umso erschütternder, dass der Lieferant des Deutschen Bundestags jetzt pleite ist und dort ein Insolvenzverwalter das Sagen hat. Es ist also derzeit höchst ungewiss, ob wirklich alle Parlamentarier bis Anfang September mit rutschfesten Schreibtischunterlagen rechnen können, und ob die Reißzwecken dann noch für die Koalition reichen, ist ebenfalls sehr zweifelhaft, es ist ja bekanntlich eine Große und muss entsprechend viele Denkzettel an die Wand pinnen.

Angela Merkel persönlich hat sicherlich längst ausreichend Klebestifte geordert, und Annegret Kramp-Karrenbauer sitzt ja nicht im Bundestag und wird sich ihre Tintenpatronen wohl von der Bundeswehr liefern lassen. Solange sie damit nicht Afghanistan befrieden will, geht das ja auch in Ordnung, meinetwegen sogar in Hängeordnung. Aber mit welchen Kugelschreibern sollen jetzt unsere Bundestagsabgeordneten das Feuer auf innerparteiliche Konkurrenten eröffnen? Mit welchen Druckerpapieren sollen sie sich Lobbyisten vom Leib halten? Mit welchen Minen Aufstellungskonferenzen sichern? In Zeiten, wo die Union mit der AfD und die SPD mit der Linken hadert, ist es kein angenehmer Gedanke, dass die Trennblätter ausgehen.

Wie soll die FDP jemals in die aktuellen Flipcharts kommen, wenn gar keine mehr lieferbar sind und wie sollen die Grünen ihre Positionen shreddern, wenn es bis auf Weiteres keine Aktenvernichter mehr gibt? Mit der stumpfen Schere braucht Anton Hofreiter dafür doch Jahre, und seine Co-Vorsitzende Karin Göring-Eckardt wird genug damit zu tun haben, sich ausreichend Leuchtstifte zu besorgen, sie ist ja auf jede Hervorhebung dringend angewiesen.

Helfen Sie dem Bundestag

Die CSU wird sich um Etiketten sorgen müssen, die Linke kann womöglich bis auf Weiteres keine Register mehr ziehen, nicht mal innerparteiliche, und wenn es ganz dick kommt, muss die AfD demnächst Interviews ohne Korrekturband geben. Immerhin: Braune Versandtaschen dürften auch knapp werden, aber Alexander Gauland verschickt seine Botschaften an den rechten Flügel ja sowieso lieber in wattierten.

Die FDP könnte ein paar Anspitzer gebrauchen, die SPD ein Vergrößerungsglas und die CDU einen Schwung Lineale zur Vermessung der Werteunion. Doch durch die Pleite des Lieferanten wird vorerst keiner erfahren, wie weit die noch vom rechten Rand entfernt ist.

Sollten Sie also einen Zollstock erübrigen können, legen sie bitte ein paar Radiergummi oben drauf und helfen Sie dem Bundestag. Jeder Bleistift zählt!


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