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Ende der Welt Freizeit-Lotterie

Die Deutschen waren lange Reiseweltmeister – und jetzt haben sie den Corona Salat: wohin nur? Denn eins ist klar: gefahren werden muss. – Oder? Eine Glosse von Norbert Joa.

Von: Norbert Joa

Stand: 29.06.2020

Übermorgen ist Juli und es naht mit Gebraus ein teutonisch Wort wie Donnerhall: „URLOUB“  – mit ou – aus dem althochdeutschen. Vor 1000 Jahren gewährt vom Lehensherrn oder Großbauern – dem Ur: „die Erlaubnis, wegzugehen“. Aber damals nicht zum Zwecke der Bildung, Kindererziehung oder Erholung, sondern bestenfalls auf ein paar Stunden zum Dorftanz oder – etwas länger und weniger schön: zum Kreuzzug gen Jerusalem. Tausende Ritter kehrten von diesen Sonderurlauben nicht zurück. Wenn die gewusst hätten, dass es dereinst mal 30 arbeitsfreie „Urloubstage“ im Jahr gibt, die der Erholung dienen. Sollen.

Doch was heißt schon Erlaubnis? So wie man dieser Tage angesprochen wird, hats was von Müssen. Zwangsurlaub. „Na, wo geht’s hin im August – heuer nicht so einfach, gell? Aber nach dem Drama muss man ja raus, gell?!“ Wer jetzt nicht in München Süd lebt und – Kreuzritter weghören – in Gottes Namen nochmal zwei Wochen ins Zweithaus auf Sylt fährt, der druckst herum: „Ja, natürlich haben wir was vor, schon den Kindern zuliebe, aber an Nord- und Ostsee ist ja schon alles ausgebucht. – Ein Kreuz.“

Gut, dass bei dieser Art Klage keine Kreuzritter zugegen sind - man ist jedenfalls fast schon froh, dass einem die Regierung 160 Länder von der Liste gestrichen hat. Nach Florida wären wir aber eh nicht gefahren, weil da seit Tagen in Clubs und Bars kein Alkohol mehr ausgeschenkt wird – angeblich wegen der vielen Infektionen und Toten. „Ruhe zu finden“ – das geben Deutsche als Hauptmotiv für den Urlaub an. Aber diese dann doch nicht.

Im Flieger muss man vier Stunden flachatmen - Mundschutz an Mundschutz

Also – wohin jetzt, Zefix. Lissabon? Aber bevor man dort im Gewühl seine eins fünfzig Abstand freikämpfen kann, muss man vier Stunden im Flieger flachatmen - Mundschutz an Mundschutz. Oder 30 Stunden mit dem Auto – Ruhe finden, noch vor Lindau, auf der A 96.

Venedig wär näher – aber da schreckt man die Fische im Canale Grande auf, die endlich mal Ruhe hatten. Und siehe, es überkommt einen große Müdigkeit angesichts der Rollkoffer und Packlisten und mit einem Mal weht – getragen vom leichten Sommerwind - durchs offene Fenster der Gedanke: Was wäre wenn … die Kreuzritter nicht ihre Rüstungen und Schwerter und das ganze Geraffel gen Süden geschleppt hätten – in Staub und Durst und Stau am Pass und Durchfall und das Ende ist bekannt. Wenn eine göttliche Stimme – naviähnlich – gleich zu Beginn gesagt hätte: Sie haben ihr Ziel erreicht.  Im Hier und jetzt.

Aber es hilft ja nix, wir müssen Urlaub machen – irgendwo. Irgendwie. Und sowieso.


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