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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Erpressung oder Erziehung?

Ein Klassiker unter den Erziehungsmethoden seit der Steinzeit ist das „wenn-dann“-Prinzip: „Wenn Du aufräumst, dann bekommst Du ein Gummibärchen.“ Doch heutige Kinder wollen nur noch das „dann“ – zumindest die von Martin Zöller.

Von: Martin Zöller

Stand: 17.01.2020

Viele große Firmen wissen um die Kraft von Belohnungen. Sie geben Urlaubsgeld, „Boni“, also hochdotierte Zulagen, „Incentives“ wie Tankgutscheine oder spendieren dem ganzen Team Klischee-Aktionen wie Rafting oder Rodeln. So sehr das die einzelne Mitarbeiterin, den Mitarbeiter, freut - all das macht eine Firma nicht ausschließlich aus Liebe, sondern nach dem Prinzip „wenn…dann“: Wenn Du super Leistung bringst, kannst Du damit rechnen, über dein Gehalt hinaus noch mehr zu bekommen.

So gut das System in der Wirtschaft funktioniert, so schwer fällt es mir nach wie vor, es auf mein Familienleben zu übertragen. Die Kinder trennen frech das „wenn“ und das „dann“ und erwarten, nur mit dem „dann“ davonzukommen. Zum Beispiel hören sie nur „…dann lese ich noch was vor“ und überhören das vorangestellte „wenn ihr euch jetzt selber umzieht…“ Sie hören „…dann kriegt ihr ein Gummibärchen“, ignorieren aber „…wenn ihr eure Teller in die Spülmaschine räumt“. Sie jubeln über „…dann gehen wir Pizzaessen“, verweigern sich aber dem „…wenn ihr Euer Zimmer aufräumt.“  Offenbar ist nicht zu ihnen durchgedrungen, dass ein „dann“ ohne „wenn“ letztlich nur ein „dann nicht“ sein kann.

Aber nicht nur, dass diese Belohnungs-Methode an ihnen abperlt – sie verunglimpfen sie auch noch als unlautere Manipulation. Das, was ich als ohnehin schon ziemlich zuvorkommende „Erziehung“ bezeichnen würde, nennen sie in böswilliger Verkürzung „Erpressung!“. Zum Beispiel habe ich zuletzt versucht, die Freigabe von weiteren Stücken Schokolade an ein voriges Aufräumen zu binden – ich finde, das kann man als Vater schonmal machen. Empörte Reaktion meines fünfjährigen Sohnes. „Erpressung! Immer Erpressung!“ Das Ergebnis: Er verzichtet auf die Schokolade („dann mag ich keine mehr!“), das Zimmer ist ein Saustall, bis ich selbst aufräumte, die absolute Bankrotterklärung.

Was tun also? Die Lösung muss „gesichtswahrend“ sein

Was tun also? Die Lösung muss „gesichtswahrend“ sein. Vielleicht dies: die Kinder mit einer „paradoxen Intervention“ aus der Psychologie verwirren: Wenn der Sohn das nächste Mal ein zweites Stück Schokolade will und auf meine Forderung nach Aufräumen nicht reagiert, übergebe ich ihm zu seiner Verwirrung strahlend vier große Tafeln Schokolade und schlage ihm eine gemeinsame komplette Verwüstung des Kinderzimmers vor. Im Idealfall sagt er: „Papa, habe verstanden, ich akzeptiere ab sofort Deine geniale Erziehungsmethodik“.

Im wahrscheinlichen Fall stimmt er zu, ich verwüste mit ihm das Zimmer, er schnappt die Schokoladen, rennt aus dem gebrandschatzten Zimmer und ruft: „Wenn Du nicht sofort mein Zimmer aufräumst, sag ich es der Mama“. Und dann liege ich jammernd auf dem Boden und rufe, genau: „Erpressung!“


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