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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Ein Lob auf den Briefträger

Einst war er der Zuträger romantischer Botschaften und der verlässliche Überbringer sehnlich erwarteter Nachrichten. Heute hat er meist Rechnungen und Werbesendungen im Gepäck. Werden wir bald ganz auf den Briefträger verzichten müssen? Das wäre schade… Eine Glosse von Thomas Koppelt.

Von: Thomas Koppelt

Stand: 21.09.2020

Was wäre die Literaturgeschichte ohne den Briefroman? Der junge Werther hätte nicht gelitten, zumindest hätten wir nie davon erfahren. Weder Graf Dracula noch Frankensteins Geschöpf würden uns den Schlaf rauben. Und die chinesische Vergangenheit wäre niemals mit Mitteilungen aus der Gegenwart belästigt worden.

Über Jahrhunderte spielte der Brief eine wichtige Rolle in der Kultur- und Geistes-Historie. Und natürlich auch der, der ihn bringt, den Brief: Der Briefträger, der in Stummfilmzeiten noch vollen Körpereinsatz zeigte und meist verfolgt von zähnefletschenden Vierbeinern mit zerrissenem Hosenboden über Vorgartenhecken hechtete. Der Postbote, il postino, der Überbringer romantischer Botschaften, die ein wenig Poesie in unseren prosaischen Alltag zauberten.

Und ja, auch der in der deutschen Sprache eigentlich unbekannte Postmann, der früher noch zweimal klingelte, und sich nicht schon nach dem ersten Mal so schnell er konnte davonmachte.

Wait a minute, Mr. Postman! Unzählige Lieder wurden ihm gewidmet, meist von verzweifelten Menschen, die sehnsüchtig auf ein Lebenszeichen ihrer oder ihres Geliebten harrten, “Please Mister Postman, look and see, is there a letter in your bag for me?” - “No, sorry!” Im Postsack schwappt heute eine Flut von Rechnungen und Werbesendungen.

Auf der Leinwand ploppt nur noch eine kurze “E-Mail für dich” auf. Wenn überhaupt. In Actionfilmen greift der Held kurzerhand zum Smartphone, weil es der Spannungskurve nicht zuträglich wäre, wenn er sich verschwitzt und blutend erstmal hinsetzen und seinen Füller aufschrauben würde. Es gibt den Twitter-Roman: Die Komplexität der Welt verdichtet auf 280 Zeichen.

Naja. Und neben dem vertrauten Briefträger, als dessen Schutzpatron übrigens niemand Geringerer als Gottes Sendbote himself Erzengel Gabriel fungiert, neben diesem uns oft sogar namentlich bekannten und 6 Tage die Woche zuverlässig erscheinenden wackeren Postillion suchen uns mittlerweile namenlose Zusteller heim, die oft nichts Anderes zustellen, als einen Zettel: Leider haben wir Sie nicht angetroffen. Obwohl man doch eigentlich anzutreffen gewesen wäre. Return to sender, oder zum nächstgelegenen Paketshop.

Da lobe ich mir den Briefträger!

Da lobe ich mir den Briefträger! Der trägt die Briefe nämlich nicht nur herum, sondern wirft sie in der Regel auch ein – wenn er nicht gerade streikt. Zukünftig vielleicht nur noch fünfmal die Woche, von Dienstag bis Samstag. Das Briefaufkommen ist einfach zu gering. Deshalb, verehrte Hörerinnen und Hörer, schenken Sie Ihren Lieben doch einfach das Wertvollste, das wir haben: Schenken Sie ihnen Zeit. Setzen Sie sich hin, schrauben Sie den Füller auf und schreiben Sie einen Brief. Wenn nicht für Ihre Lieben, dann für die Briefträger da draußen. Wir brauchen sie!


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