Bayern 2 - radioWelt


1

Ende der Welt Distanz in den Mai

Meiomei – das wird ein erster Mai. Und ein ziemlicher Eiertanz, ihn morgen gebührend und korrekt zu begehen – aber hey, mit gutem Willen und Fantasie geht alles… Eine Glosse von Norbert Joa.

Von: Norbert Joa

Stand: 30.04.2020

Dreckscorona hin oder her – morgen ist erster Mai. Also: Faust ballen, Arm anwinkeln, mit der andern Hand: Rote Fahne TV anklicken … und schon erscheint ein leicht verwitterter Stahlarbeiter in Rente, der sein ganzes Leben im Ausnahmezustand verbracht hat – als deutscher Marxist/Leninist. Hört, hört, wie er ruft: Brüder, trotz Corona zur Freiheit und heraus zum roten ersten Mai! Diesmal halt ohne die Kuschelluschen vom DGB, dann müssen morgen mal echte Revolutionäre zeigen, wo Hammer und Sichel hängen. Dabei  – fast schon rührend – wird eingeblendet, wie das hierzulande aussehen könnte: auf Riesenplätzen, mit Riesenabstand und gaanz wenig Teilnehmern, was den deutschen Marxisten / Leninisten sehr entgegenkäme.

Gewaltig dagegen ist die Zahl derer, die einfach nur gern in den Mai tanzen würden.  Aber wie? Ganz einfach, man ziehe sein schönstes Gewand an, schlüpfe ins selbstgebastelte Reifrockgestell mit dem Zweimeterradius und kreise auf der Straße im Live Stream mit erhobener Selfiestange um sich. Mal wieder. Und postet dazu: Mit Dis-Tanz in den Mai. Smiley, Smiley.

Doch traurig, traurig: allerorten Maibäume wie die Lufthansa, wie die Stimmung – am Boden. Im Bayerwald  soll nun der Brauch begründet werden, Maibäume unter Ausschluss der Dorfgemeinschaft zu errichten. Bei Nacht und Nebel – nur Bürgermeister und Kranfahrer kennen die Stunde und winken sich nach getaner Arbeit von Ferne zu.

Dieses Jahr arbeitet der schwarze Block übrigens auch im Sinne der deutschen Autoindustrie

Derweil hat in der großen, großen Stadt, der schwarze Block seinen jährlichen Maienauftritt. Mit nur ein Meter 30 Abstand – Anarchen halt. Dabei tragen die Schwarzgekleideten mit seherischer Gabe und ganz autonom schon seit Jahren beachtliche Mund Nasenschütze, die irgendwie an Sturmhauben erinnern.

Dieses Jahr arbeitet der schwarze Block – mit Blick auf die Rauchsäulen über Kreuzberg und Neukölln – übrigens auch im Sinne der deutschen Autoindustrie und ihrer Abwrackprämie. Wir aber, draußen in der Provinz, tänzeln morgen früh um unsere seltsam verzierten Autos, nesteln nasses Klopapier vom Dach – aah, dafür wurde es gehortet - kratzen Rasierschaum und Eigelb von der Frontscheibe und erfreuen uns zum ersten Mal ein klein wenig an diesem saublöden Ritual.


1