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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Dingens und Krimskrams

Manchmal entfaltet das Namenlose seinen Charme besonders durch die Funktionstüchtigkeit, hinter der ein Ding verschwinden kann und sich gleichzeitig unentbehrlich macht. Und manchmal entdecken wir unter all den unnützen Namen auch einen, der uns richtig anrührt oder uns in die Irre führt. Und dann verstehen wir, warum einige Dinge gar keinen Namen brauchen. Sie existieren einfach namenlos, und das ist auch gut so! Eine Glosse von Jeanne Turczynski.

Von: Jeanne Turczynski

Stand: 12.06.2019

Ist es nicht das Mysterium, das die Würze des Lebens ausmacht? Das Unbekannte, Namenlose, dessen Geheimnis wir ergründen wollen, ja geradezu müssen? Es ist das Unbekannte, das unsere Fantasie herausfordert. Manchmal können wir sogar staunend feststellen, dass das Namenlose seinen Charme besonders entfaltet durch die Funktionstüchtigkeit – hinter der ein Ding verschwinden kann und sich gleichzeitig unentbehrlich macht. Oder besser noch: das Ding ist einfach – ohne benannt zu sein. Oder hat sich schon mal ernsthaft jemand gefragt, wie der Gesichtsteil heißt, der sich unter der Nase, oberhalb der Lippe befindet, diese kleine vertikale Rinne? Genau, Philtrum heißt sie. Klingt jetzt nicht wirklich nach geschwungenen, zarten Gesichtszügen. Und wahrscheinlich wird auch in Zukunft niemand sagen: Dir hängen Krümel am Philtrum, sondern eher: wasch Dir mal den Mund!

Falls Sie übrigens mal so richtig klugscheißen wollen, dann empfehle ich, in Zukunft nicht mehr davon zu sprechen, dass Ihnen die Füße eingeschlafen sind, denn auch für das kribbelige Gefühl gibt es einen Namen. Sagen Sie beim nächsten Mal: Ich habe schon wieder eine Parästhesie! Mitleidige Blicke sind Ihnen sicher, vielleicht wird der eine oder andere auch intuitiv etwas Abstand nehmen, könnte ja ansteckend sein.

Man wäre auch ohne diese unschöne Benennung durchs Leben gekommen

Sicher ist: Man wäre auch ohne diese unschöne Benennung durchs Leben gekommen. Hätte sich mit Dings und Gedöns beholfen. So wie wir das tagtäglich auch im Supermarkt an der Kasse hinbekommen. Kürzlich erbat der Schlangesteher hinter mir das Teil, das man zwischen die eigenen Einkäufe und die des nächsten Kunden legt – um kenntlich zu machen, bis wohin man bereit ist zu bezahlen. Dieses Ding hört auf den Namen Warentrenner. Aber egal, Dings tut es auch!

Manchmal aber entdecken wir unter all den unnützen Namen auch einen, der uns richtig anrührt, gar in die Irre führt. Etwa bei den kleinen zarten Plastiktütchen, in die immer noch viel zu viele Menschen ihr Obst und Gemüse verpacken, doch handelt es sich eben nicht einfach nur um Plastiktütchen. Nein, es sind Hemdchenbeutel. Weil sie zusammen gelegt tatsächlich wie kleine Hemdchen aussehen. Aber: Lassen Sie sich von der niedlichen Benennung nicht täuschen. Der Hemdchenbeutel ist böse, weil Plastik nicht nachhaltig ist, nicht verrottet – egal wie klein man das Beutelchen zusammenfalten kann. Insofern ist Plastiktüte, oder auch böser Plastikbeutel der viel bessere Begriff. Obwohl: Plastikdings hätte auch gereicht….


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