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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Die Maß und die Geschlechter

Nach neuesten Berechnungen zählt die deutsche Sprache rund fünf Millionen Wörter, aber trotzdem toben Sprachgewitter um das Genus. Aber wieso ist der Mond eigentlich ein Mann und nicht, La luna, la lune, weiblich wie bei den Nachbarn? Ein Glück, dass wenigstens noch DAS Glück als Neutrum uns allen gehört. Eine Glosse von Georg Bayerle.

Von: Georg Bayerle

Stand: 07.04.2021

Nach neuesten Berechnungen zählt die deutsche Sprache rund fünf Millionen Wörter – Tendenz steigend, täglich bedienen wir uns aus anderen Sprachen oder bilden neue Formen und so wächst der Wörterberg. Und trotzdem dräuen seit Monaten Sprachgewitter um das Genus. Schräg- oder Bindestriche, Sternchen oder eingestreute Großbuchstaben unterminieren die Wörter; Glaubenskrieger der verschiedensten Seiten kreuzen rhetorische Argumente mit größerer Finesse als Florettfechter – pardon: -fechterInnen. Traditionalisten und -innen wollen sich nicht den Butter vom Brot nehmen lassen, aber ist DIE Butter nicht eigentlich weiblich? Wieso ist der Mond eigentlich ein Mann und nicht wie überall in der Nachbarschaft eine weibliche Daseinsform: La luna, la lune, etc.? Schließlich ist die Mondgöttin in den Weltkulturen verbreitet und DER Sonnengott, aber die weibliche Sonne heißt es in deutsch, auf französisch wiederum LE soleil, spanisch: el sol, usw. usw. Es ist zum Wahnsinnigwerden auf der Suche nach Licht im sprachlichen Geschlechterdschungel.

Da war ein mittlerweile weitgehend vergessener Wirtschaftsminister, der nach seiner Ansprache auf der inzwischen fast vergessenen Wiesn DAS Maß erhoben hat und nach schallendem Gelächter in einem zweiten Versuch DEN Maß erheben wollte. Da es, wie jeder Gebildete weiß, DIE Maß heißen muss, war DAS Maß in diesem Fall voll, denn soviel weltfremde Unkenntnis verträgt der Bayer nicht; oder die Bayerin, oder…. Nicht einmal die Zahl der Geschlechter ist offiziell festgelegt; in unterschiedlichen Zählarten kommen neben den üblichen zwei bis fünf bis zu siebzig heraus.

Sprache bildet unsere Wirklichkeit ab, aber eben nicht deckungsgleich. Wo so ein Versuch enden würde, das erleben wir seit geraumer Zeit in virtuell unendlichen Ausdifferenzierungen. Früher einmal, im Bürgerlichen Gesetzbuch oder den Verfassungen waren einfach geschriebene Regelsätze klarer. Heute gibt es ellenlangen Zusatzparagrafen, da wird erklärt, fortgeschrieben, aktualisiert.

Weniger soll ja manchmal mehr sein

Ein Glück, dass DAS Glück als Neutrum allen gleich zusteht, wie überhaupt das Deutsche mit dem Neutrum immer schon etwas zwischen den Polen von weiblich und männlich etabliert hatte; oder ist das Englische überlegen, das überhaupt nur einen Geschlechts-unspezifischen Artikel hat?

Wortschatzweltmeister übrigens sind der Ire James Joyce und Goethe, beide ungefähr mit einem aktiven Wortschatz von rund 90.000 Wörtern. Das ist ungefähr neunmal so viel wie gebildete Durchschnittsdeutsche verwenden, die mit gut 10.000 Wörtern auskömmlich durchs Leben gehen. Entweder sie leben nur in einem sehr eingeschränkten Wirklichkeitsbereich oder Wörter können als Gefäße sehr viel mehr mitmeinen als ihre konkrete Form wiedergibt. Weniger soll ja manchmal mehr sein.

Aber wie auch immer: DER Frust, DIE Freude mit der Sprache – unabhängig vom Genus gehören sie uns allen und jede, jedes, jeder hat ein Recht drauf. Wie wir aus der Geschichte der untergegangenen Kulturen übrigens wissen, ist es die Sprache, die uns alle überdauert.


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