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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Die Macht des Verteilers

Verteiler sind praktisch. Sie versorgen uns mit Briefen, Zeitungen und Werbung. Sie leiten Strom, Wasser oder Daten dorthin, wo gerade Strom, Wasser oder Daten gebraucht werden. Und manchmal stürzen sie uns innerhalb weniger Minuten in den Wahnsinn… Eine Glosse von Thomas Koppelt.

Von: Thomas Koppelt

Stand: 12.06.2020

Der E-Mail-Verteiler zählt zu den großen Errungenschaften der Menschheit: Informationen an mehrere Menschen gleichzeitig verschicken zu können, mit nur einem Klick – das steht in seiner praktischen Bedeutung auf einer Stufe mit der Zähmung des Feuers, der Erfindung des Rades und der Instant-Suppe.

Dachte ich jedenfalls. Bis zum vergangenen Dienstag, als ich vom Homeoffice nahtlos zur Kinderbetreuung wechselte und mit einer Butterbreze in der Tasche und einem Regenschirm in der Hand nebst Nachwuchs aus dem Kindergarten trat. Da meldete sich mein Dienst-Handy. Eine neue Nachricht. Schnell den Regenschirm zwischen die Beine geklemmt. Aha, die Einladung zu einem Online-Workshop. Brauch ich nicht. Handy wieder in die Tasche, Regenschirm in die Hand, das Kind sagt, es habe Hunger, also schnell die Butterbreze ausgepackt.

Da quäkt das Telefon erneut. Butterbreze überreicht, Regenschirm zwischen die Beine, Papiertüte zwischen die Zähne. Die Nachricht scheint sich nicht an mich zu richten: "Bitte nehmt mich aus dem Verteiler". Es geht wohl um diesen Online-Workshop. Telefon weg, Regenschirm wieder in die… Moment, neue Nachricht, Regenschirm weg, Telefon her: Noch jemand, der bittet aus dem Verteiler genommen zu werden. Das Kind klagt, ihm sei kalt. Außerdem werde es nass. Also schnell das Handy in die Tasche, den Schirm… Verdammt, die nächste Mail. Und gleich noch eine. Die Nachrichten trudeln jetzt im Sekundentakt ein: Alle wollen raus aus dem Verteiler. Ich auch.

Erste Kollegen verlieren die Nerven: "Nicht allen antworten!", schreiben sie. Natürlich an alle. Ich werfe den Regenschirm in die Hecke und setze mich in eine Pfütze. Wo ist eigentlich das Kind? Egal. Ich muss jetzt handeln. Kühle Logik ist gefragt, wenn ich den Mailserver des Bayerischen Rundfunks vor dem Kollaps bewahren will. Was tun, wenn Tausende Mitarbeiter auf "allen antworten" drücken, um allen zu antworten, dass sie nicht allen antworten sollen? Ganz einfach! Ich drücke auf "allen antworten" und antworte allen, dass, wenn alle allen antworten, dass sie nicht allen antworten sollen, das Problem nicht aus der Welt geschafft ist. Exponentielles Wachstum lässt eine virale E-Mail pandemisch werden!

Manche bitten, NICHT aus dem Verteiler genommen zu werden, es sei einfach zu lustig!

Mein Telefon winselt längst in einem gequälten Dauerton. Wahllos öffne ich die eine oder andere Nachricht: Manche bitten, NICHT aus dem Verteiler genommen zu werden, es sei einfach zu lustig! Andere schlagen ein Trinkspiel vor oder nutzen die allgemeine Aufmerksamkeit, um eine Partnersuche zu starten.

Dann kann ich mich an nichts mehr erinnern. Als ich wieder zu mir komme, ist der Akku leer und das Kind weg. Wahrscheinlich ist es allein nach Hause gegangen. Ich rapple mich hoch. Was war das eben? Ein virtueller Flashmob in Zeiten der sozialen Distanz? Oder der trickreiche Versuch, den Bayerischen Rundfunk handlungsunfähig zu machen? Noch nie war es so einfach, Spaß zu haben und gleichzeitig den Kapitalismus in die Knie zu zwingen. Es reicht eine E-Mail. Und ein großer Verteiler.


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