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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Die Grille, die Ameise und Fritz, die Heuschrecke

Und die Moral von der Geschicht: Stehst Du im öffentlichen Leben gilt auch, erst denken dann Reden. Eine Glosse von Michael Zametzer.

Von: Michael Zametzer

Stand: 24.09.2020

„Wir müssen ein bisschen aufpassen, dass wir uns nicht alle daran gewöhnen, dass wir ohne Arbeit leben können“, warnte jüngst Friedrich Merz, die 63jährige Nachwuchshoffnung der CDU. Hoppla! Da hat’s mir doch glatt meinen zweiten Morgenkaffee über die Trainingshose gekippt, als ich das gelesen hab. Daheim, im Homeoffice. Jaaa, habt ihr gehört, was der Onkel Friedrich da gesagt hat, liebe Kinder? Nur nicht dem bösen Müßiggange fröhnen – sonst ergeht es euch noch wie in der Fabel von der Grille und der Ameise:

Die Grille saß den ganzen Sommer auf ihrem Bett im Kornfeld und fiedelte schön vor sich hin, während die Ameise sich krumm buckelte, dass der Chitinpanzer krachte, um Vorräte für den Winter heranzukarren. Da kam der Winter und die Grille stand frierend und hungrig vor der Ameisentür, bat um Obdach, Essen und WLAN. Da sagte die Ameise: Nö. Du hast den ganzen Sommer über nur Kultur gemacht, jetzt geh tanzen oder harzen.

Aber wie so vieles werdet ihr, die Ihr Kinder der Pandemie seid, diese Geschichte so gar nicht mehr richtig verstehen. Deshalb hier das Corona-Update:

Der Grille war kurz vor dem Erfrieren und Verhungern, weil ihr seit Mitte März sämtliche Konzerteinnahmen weggebrochen waren. Als Soloselbständige war ihr Antrag auf Corona-Hilfe abgelehnt worden, weil sie keine Betriebskosten hatte. Sie fiedelte schließlich mit den Hinterbeinen. „Ach“, dachte sie, „hätte ich bloß auf meine Eltern gehört und mich damals bei der Lufthansa beworben“ und machte sich auf den Weg zur Wohnung der Ameise. „Die hat schließlich ein gutes Herz, sie ist ja systemrelevant. Okay, sie hat zwar auch alle sechs Beine voll zu tun, schließlich muss sie neben ihrer Schicht als Pflegekraft im Klatschmohnwiesenklinikum auch noch ihre 4385 Ameisenkinder heimbeschulen. Aber vielleicht hat sie ja wenigstens eine Rolle Klopapier für mich.“

Mit letzter Kraft klopfte die Grille schließlich an die Tür der Ameise

Mit letzter Kraft klopfte die Grille schließlich an die Tür der Ameise. Die Tür ging auf, aber da stand nicht die Ameise, sondern – eine riesige, fette Heuschrecke, einen großen Blattlausmilchcocktail zwischen den Greifwerkzeugen, und auf ihrem seidenen Morgenmantel prangte das goldene Monogramm: FM – es war Fritz, die berüchtigte Blackrock-Heuschrecke! Lange Jahre hatte sie sich in anderen Teilen der Welt sattgefressen. Jetzt aber ist sie zurückgekehrt – warum, weiß keiner genau - und da hat sie gleich mal die Ameise entmietet.

„Bitte, liebe Heuschrecke, hilf mir – es ist kalt, ich habe Hunger, und ich glaube, ich habe schon Symptome, hust hust!“ bettelte die Grille. Doch Fritz, die Heuschrecke, sagt nur: „Wir müssen ein bisschen aufpassen, dass wir uns nicht alle daran gewöhnen, dass wir ohne Arbeit leben können“ - und schloss die Tür.


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