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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Der volle Herbst

Städte im Herbst, nachdem alle, wirklich alle Sommerferien in Deutschland beendet sind – das ist das Grauen. Es ist einfach zu voll, in Kneipen, U-Bahnen und auf der Straße – selbst auf den Radwegen ist einfach kein Platz mehr. Und dann sind da die Herbstfeste, mit Millionen Besuchern – und alle, alle wollen in die Stadt…. Eine Glosse von Uwe Pagels.

Von: Uwe Pagels

Stand: 17.09.2019

Jetzt haben auch die letzten, die wirklich letzten deutschen Bundesländer erkannt, dass der Sommer vorbei ist – und damit die Sommerferien. Bayern ist so gesehen immer Schlusslicht, aber selbst hier sind alle wieder da, sogar die Erstklässler müssen, ob sie wollen oder nicht, zur Schule.

Die Folge: Wo Erstklässler sind, sind Geschwister, wo Geschwister sind, sind Eltern, wo Eltern sind, sind Arbeitnehmer, und wo die Arbeitnehmer sind, sind auch die Familien. Nichts mehr mit Urlaubsfeeling sogar in der Stadt, keine freien Plätze mehr im Biergarten, im Restaurant oder mit Glück sogar in der U-Bahn, nein, vorbei! Es ist wieder alles voll. Übervoll.

Jeder Terminkalender übrigens auch, kein Handwerker hat mehr Zeit, auch wenn das Dach nicht nur tropft, sondern Löcher aufweist, der Friseur kann frühestens erst in drei Wochen (man wollte es ja immer schon mal wieder etwas länger tragen…), und der Weg morgens ins Büro oder die Werkhalle – der reinste Horror. Die Autobahnen sind voll, die U-Bahnen und Busse natürlich erst recht, die Trambahn ist, wenn sie denn kommt, überfüllt – bitte warten sie auf die nächste – und selbst die Radlwege für den umweltbeflissenen Selbstfahrer platzen aus allen Nähten – vor allem, wenn vorne diverse Lastkarren oder Holland-Fietjes unterwegs sind, die die knappen 1,20 Meter komplett versperren. Die Folge: Radlstau, es ist zu voll, selbst auf dem Radweg.

Über die selbstfahrenden Roller wollen wir gar nicht reden, die Dinger stehen sowie so mehr rum als sie fahren und füllen Plätze, Straßen, Höfe – sogar in Springbrunnen hat man sie schon gesehen, vermutlich waren alle Parkplätze besetzt.

Apropos Parkplatze: Vor den diversen Schulen sind auch alle voll, die Parkplätze, nicht etwa die Autos. Das sitzt nur ein Elternteil drin, da wäre noch Luft nach oben.
Nur: Allein oder nicht - Wer einen Stellplatz erwischt, gibt ihn vor den nächsten Ferien kaum wieder her.

Städte im Herbst, und alle drehen am Rad – am Riesenrad zum Beispiel, denn unglücklicherweise haben Meister der Planung in diese, ohnehin überfüllte Jahreszeit auch noch die Herbstfeste gelegt. Was auf eine Weise logisch erscheint, denn sonst wären es ja keine. Andererseits macht das die Städte noch voller, Bayerns Hauptstadt zum Beispiel, da kommen ja gleich Millionen. Und also sind die Hotels voll, die Zelte auf der Wiesn sowieso, die öffentlichen Verkehrsmittel noch voller, wobei das in diesem Zusammenhang eine unzulässige Steigerungsform ist, denn die sind ja ohnehin bis auf den allerletzten Stehplatz besetzt.

Es kann den ein- oder anderen angesichts der Lage schon eine Wahnvorstellung anfallen

Sogar in Museen und Gemäldesammlungen ist es so voll, dass man seine Jacke besser zuhause lässt, die Garderobe ist nämlich meist wegen Überfüllung geschlossen.

Es kann den ein- oder anderen angesichts der Lage schon eine Wahnvorstellung anfallen – ein anständiger Sitzplatz mit Fensterblick in der Straßenbahn zum Beispiel, keine Schlange im Cafe oder in der Bäckerei – zügiges Radfahren sogar in der Innenstadt, ein Konzert, für das es auch im Herbst noch Karten gibt.

Und ein gemütliches Plätzchen im Biergarten, dort nur leichtes Rauschen, weil der Nachbar 5 Meter entfernt sitzt, oder, Gipfel des Wahns, sogar ein Festzelt auf der Wiesn, in dem man sich unterhalten kann, ohne zu brüllen.

Da könnte man, welch ein Irrsinn, langsam und genussvoll ein Bier trinken und noch eins und vielleicht noch eins, und dann, endlich, endlich, hätte das Wort „voll“ eine ganz andere Bedeutung.


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