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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Der Untergang von Sevilla

Das wiegt schwerer als ein Schlag ins Kontor: Sang- und klanglos geht die DFB-Auswahl gegen Spanien unter. Und das auch noch in der Opern-Stadt Sevilla. Aus dem Heulen und Wehklagen führen jetzt nur noch ungewöhnliche Wege. Eine Glosse von Gregor Hoppe.

Von: Gregor Hoppe

Stand: 19.11.2020

Man könnte das Ganze juristisch anfechten: Erstens war Kimmich verletzt. Zweitens war der FC Sevilla erst Ende September in Budapest im Finale des Supercups dem FC Bayern mit 1 zu 2 unterlegen. Da hätten wir schon haarscharf aufpassen müssen, wenn wir vor diesem Hintergrund die spanische Nationalmannschaft, die uns in Sevilla empfing, nicht hätten unterschätzen sollen. Es ist nicht ganz sicher, ob eine Klage Erfolgsaussichten hat. Aber wenn der DFB den US-Supreme Court anruft, könnten wir vielleicht das offizielle, aber vermutlich doch illegale Endergebnis noch eine geraume Weile aufschieben.

6 zu 0 für Spanien! An die Schmach von Cordoba 1978, das Cordoba in Argentinien ist gemeint, reiht sich nun die historische Nationalkatastrophe von Sevilla. Und wieder sind, zumindest mittelbar, die Österreicher schuld: 1931 verloren wir zum letzten Mal in dieser völlig unzumutbaren Höhe gegen eben sie. Und wenn wir uns vor Ohren führen, dass der Salzburger Wolfgang Amadeus Mozart nicht nur „Don Giovanni“, sondern auch „Die Hochzeit des Figaros“ getreu den Vorlagen in Sevilla ansiedelt, so finden wir hier die kulturelle Kulisse vorbereitet: Finstere Tragödie und spaßige Lächerlichkeit finden in Sevilla zueinander.

Wie der steinerne Gast in der erschütternden d-Moll-Szene des „Don Giovanni“ trat Bundestrainer Jogi Löw seitab auf und nieder, schwerfüßiger Komtur in tiefblauem Kaschmirpulli. Seine Miene näherte sich mit Verlauf der zweiten Halbzeit dem Ausdruck Beethovens im fortgeschrittenen Alter an – nicht von ungefähr spielt übrigens auch „Fidelio“ in Sevilla. Tückisch und schnell wie Bizets „Carmen“ vom tödlichen Dolch getroffen – auch eine Sevilla-Oper – erlebte die deutsche Abwehr die spanischen Vorstöße vor Neuers Tor, und blieb doch reglos wie ein Opernchor.

Fazit: Jetzt ist guter Rat teuer

Fazit: Jetzt ist guter Rat teuer. Vor allem haben die Kenner dem Bundestrainer erst vorgehalten, zu lange an erfahrenem, aber betagtem Personal festgehalten zu haben. Jetzt ist man sich dahingehend einig, dass Löw sich schleunigst und mit ausgesuchter Höflichkeit etwa bei den Herren Müller und Boateng zurückmeldet, falls die sich noch an seinen Namen erinnern. 0 zu 6! Deutschland, das in Belo Horizonte einst Brasilien mit 7 zu 1 niederwarf, steht am Fuß des Neuaufbaus. Sevilla weist, mit dem Grabmal des Columbus, in diesem Sinn voran in eine neue Welt. Wir, vorerst zum Zuschauen vor der Glotze verurteilt, raten von weiteren Gastspielen in Spanien aber ab. Denn als Leporello, der Diener des Don Giovanni, dessen Schandtaten nach Ländern aufführt, spricht die Statistik für sich: „Aber in Spanien schon tausend und drei!“


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