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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Der Mai ist gekommen, die Träume schlagen aus

Der Mai ist gekommen, und da könnte man ja jetzt schnell mal neben den Bäumen auch die Träume ausschlagen lassen. Frei nach Franz Emanuel August Geibel, dem Lyriker von „der Mai ist gekommen“. Aber Achtung! Keine Geibeleien! Eine Glosse von Johannes Marchl.

Von: Johannes Marchl

Stand: 03.05.2021

Ach, der Mai! Übermannt oder überfraut Sie nicht auch die Lust, zu dichten, zu singen?! Zum Beispiel: Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus. Hier stock ich schon, wer hilft mir weiter? Ich kann den Mai so hoch unmöglich schätzen. Jetzt muss ich doch goggle einsetzen. Da steht´s: Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus, da bleibe wer Lust hat mit Sorgen zu Haus. Ist das jetzt Ironie im Liedgut? „..wer Lust hat mit Sorgen zu Haus bleiben“? Wenn man sich allerdings den Autor anschaut, eher unwahrscheinlich. Franz Emanuel August Geibel.

Theodor Fontane prägte nach ihm den Ausdruck „Geibelei“ – was so viel heißt wie: klingt ja ganz nett, diese Lyrik, ist aber eher inhaltsleer und stereotyp. Eben ein Geibel. Und Wilhelm Busch spöttelte in einer Bildergeschichte über Geibel. Titel: „Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter“.

Vielleicht sollte man dem guten Lyriker einfach ein bisschen auf die Sprünge helfen, sein Maienlied etwas modernisieren, 1841 hat er das Wanderlied geschrieben, und seitdem sind ja schon einige Maien ins Land gegangen. Man könnte ja in diesen Maientagen nah am Zahn der Zeit nagend und die Wurzel freilegend dichten: Der Mai ist gekommen, die Träume schlagen aus. Und das mit dem Zu Hause bleiben, dann irgendwie mit Ausgangsverbot ab 22 Uhr und Inzidenzzahlen über 100 verreimen.

Ja… Aber das mit den „ausschlagenden Träumen“ find ich schon gut. Ich zum Beispiel bin komplett von der Erotik abgekommen und träume ständig Italien. Und die Fahrt dahin. Und das würde ja dann auch schon wieder gut mit dem Geibel passen:

Frisch auf drum, frisch auf, im hellen Sonnenstrahl,
wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal!

Und das Ende erst. So passend!

Da kann doch nur Brenner und Etschtal gemeint sein… Was in meinen ausschlagenden Träumen allerdings nie vorkommt ist Quarantäne und Selbsttests und so was, geschweige denn Restaurants, die schließen müssen und Hotels, die gar nicht erst aufhaben. Aber mei. auch beim Geibel war das ja schon so:

„Und find ich keine Herberg', so lieg' ich zur Nacht
wohl unter blauem Himmel, die Sterne halten Wacht.“

Das klingt nach Romantik. Und das Ende erst. So passend! Zumindest für alle, die demnächst den neuen europäischen Impfpass ihr Eigen nennen:

„da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt: Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt!“

Soweit zum Mai, der gekommen ist. Der Geibel hat dann in den Jahren danach noch viele Gedichte verfasst. Eines davon hat „Deutschlands Beruf“ geheißen und da hat ihm dann sogar der Kaiser, Wilhelm II. den Schlussvers geklaut. Der ging nämlich so, eine Geibelei par Excellence:

„Und es mag am deutschen Wesen / einmal noch die Welt genesen.


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