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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Der große Abschied

Schnapserl verkaufen, Stripper bestellen. So simpel wie bewährt war einst das Rezept für einen erfolgreichen Junggesellenabschied. Damit kann sich ein Trauzeuge heutzutage kaum noch blicken lassen. Katharina Hübel findet: Übertreibt’s mal nicht.

Von: Katharina Hübel

Stand: 23.08.2019

Es ist die berühmte Frage: Was würdest Du tun, wenn Du wüsstest, dass Du nur noch einen Tag zu leben hättest? Lass mal überlegen: Ein albernes Kostüm anziehen – gerne genommen für Herren: rosa Tütü, falscher blonder Zopf, noch ein paar rote Backen aufgemalt, für Frauen ein Krönchen und irgendwas mit Tüll und Pink. Und dann: besinnungslos betrinken und fremde Menschen küssen. Egal: Denn es ist der große Abschied. Der Junggesellenabschied. Und da es der finale Todesstoß ist, den man sich da so gibt mit einer Hochzeit – wirklich eine sehr traurige und völlig unfreiwillige Angelegenheit, muss der Todeskandidat nochmal so richtig aufdrehen, die ganze Sinnhaftigkeit seines Mensch-Seins in die Waagschale werfen. Denn nach der Eheschließung ist alles zu Ende. Vielleicht hat er dann gar keine Freunde mehr, mit denen er feiern kann. Nie wieder.

Doch selten ist das dem Umstand der Hochzeit selbst zuzuschreiben, sondern vielmehr der Bedeutung, die das verliebte Paar ihr beimisst. Handelt es sich um den bedeutendsten Akt auf dieser Erde, so soll er Höhe- und Endpunkt gleichermaßen sein. Ein Freifahrtschein, um alle Freunde – und auch sonst die ganze Umgebung – erbarmungslos zu tyrannisieren.

Das fängt an mit Kleidervorschriften. Alle Damen der Hochzeitsgesellschaft sollen in Blassblaulila kommen, damit sie farblich zum Gürtel der Braut passen. Auch wenn sie dann mehr an einen Schwarm seekranker Tintenfische erinnern denn an eine begeisterte Feiergemeinde. Oder die Brautjungfern – dass es streng genommen gar keine Jungfern mehr sind, ist nicht so wichtig. Dass es genau sieben sein sollen, umso entscheidender. Noch essentieller: Sie müssen das gleiche Kleid tragen. Sieben Frauen – das gleiche Kleid? Wo eine Frau alleine schon mit der Frage überfordert ist, was sie anziehen soll. Und jetzt für hager, mollig, blond, brünett – das perfekte Kompromisskleid. Steht keiner so wirklich gut, aber die wichtigsten Stellen sind zumindest bedeckt. Von den Statisten eines glänzenden Braut-Auftritts werden ganz klar Opfer eingefordert – da geht es um die Gesamtwirkung.

Früher bekam man einfach einen Stripper, heute einen Poledanceworkshop

Und so nimmt man als guter Freund auch das Geld, das für den Jahresurlaub vorgesehen war und noch etwas mehr, und bucht eben trotz Flugangst das Ticket auf die Fidschi-Inseln am anderen Ende der Welt. Eine Hochzeit auf dem Mond kam nur deswegen nicht zustande, weil sich das Küssen in Astronautenhelmen bei der Probe als zu kompliziert herausgestellt hatte und ein Schleier wenig mondtauglich erschien.

Und vor all diesen Capricen war ja auch noch der Junggesellenabschied. Früher hat man einfach einen Stripper bestellt, heute kriegt die Braut einen Poledanceworkshop von ihren Freundinnen finanziert. Warum nicht gleich einen Auftritt im Lido? Und für den Bräutigam eine spannende Jagd auf den weißen Tiger in Indien oder einen Trip in den peruanischen Urwald: Nasenbärenexkremente sammeln, aus denen der teuerste Kaffee der Welt hergestellt wird. Wer nach all diesen Zumutungen auch nach seinem „schönsten“ Tag im Leben noch Freunde hat, der weiß wirklich, was er an ihnen hat.


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