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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Abschied vom öffentlichen Fernsprecher

Wer heute unter dreißig ist, hat vielleicht noch nie eine gesehen. Vielleicht auch, weil sie längst ihr leuchtendes Gelb gegen einen unauffälligen grau-magenta Anstrich tauschen mussten. Ein Abgesang auf die Telefonzelle von Gregor Hoppe.

Author: Gregor Hoppe

Published at: 21-11-2022

Nur, weil gerade irgendwo Fußball-WM ist: Vor 30, 40 Jahren war einer der beliebtesten Trashtalk-Sprüche beim Freizeitkick: „Geh mit mir in die Telefonzelle, Du siehst keinen Ball.“ So priesen Dribbler in scherzhafter Übertreibung ihre Künste und drohten der Verteidigung, selbst auf engstem Raum –  etwa im Inneren einer Telefonzelle – ausgetrickst zu werden.

Dann geriet die Bundespost selbst unter den Gelben Wagen. Und ein Herr Sommer brachte die Telekom an die Börse. Der es bald darauf gefiel, die selbst von weiter weg gut erkennbaren, eben postgelben Telefonzellen durch maximal unscheinbare zu ersetzen. Sie aufzuspüren bereitete selbst eifernden Handygegnern unzumutbare Mühe: fadgraue Stempen mit einem schützenden Regendächlein, im Straßenbild kaum auszumachen. Und war mal eine durch Zufall gefunden, schreckte der peinlich rosa Hörer ab, war eine Karte vonnöten, um sprechen zu dürfen, oder – ganz klassisch – kein Kleingeld zur Hand.

Sprecher genossen zwar Beinfreiheit – das war´s mit dem Dribbling in der Telefonzelle – aber gegen den Straßenlärm war ohne Kabinentür wenig auszurichten. Vielleicht liegt es daran, dass die Boomer-Generation heute selbst bei intimen privaten Botschaften oder börsenrelevanten Finanzinfos ins Handy brüllt wie der Jochgeier.

Zugegeben, so richtig anheimelnd waren klassische Telefonzellen anfangs auch nicht. Die harschen Anweisungen „Fasse Dich kurz!“ oder „Nimm Rücksicht auf Wartende!“ klangen, offensiv duzend, verdächtig nach Kasernenhof. Der Monopolist – Alleinherrscher im Kundenverkehr.

Komplett idiotisch war der bei älteren Modellen in die Verschlussklappe des Geldrückgabereservoirs geprägte Befehl „Klappe schließen“. Die Klappe fiel ja immer automatisch nach vorne und schloss sich in schönster Ordnung. Und den Befehl las – einen Sekundenbruchteil lang – nur, wer etwaig übrig gebliebene Münzen, die mit triumphalem, blechernen Rattern wie aus einem einarmigen Banditen nach unten rauschten, mit vollem Recht dem Schlund entnahm, worauf das beredte Klapperl halt wieder zufiel.

Vorausgesetzt, die Mitarbeiter finden sie

Das war lange vor der Götterdämmerung in der Telefonie. Heutzutage tragen alle die Last ihrer eigenen Zelle mit sich herum. Und mit dem heutigen Tage beginnt die Telekom, die Münzzahlung bei den verbliebenen öffentlichen Fernsprechern abzuschalten, dann bald die Kartenzahlfunktion, schließlich drei Viertel der Zellengehäuse abzubauen.

Vorausgesetzt, die Mitarbeiter finden sie. Immerhin: 12-tausend sollen es noch sein. Eine, rein rechnerisch, pro 6666, 66 Bundesbürger. Laut Telekom sind die Gelben längst ausverkauft. Wenn sie nicht zu den 3000 Unglücklichen gehören, die an der Ecke stehen bleiben müssen, und – wie zum Hohn! – aufs Dach eine Antenne gepflanzt bekommen. Um das Mobilfunknetz zu stärken!


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