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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Den Drachen reiten

Wer möchte kann sich auf Social Media Plattformen unter anderem über das Leben von anderen informieren. Und täglich kommen neue „Influencer“ dazu. Eine Glosse von Barbara Kostolnik.

Von: Barbara Kostolnik

Stand: 31.07.2020

IDieses Internet bringt schon die wunderlichsten Dinge hervor: nicht nur, dass Menschen dort alle Hemmungen zu verlieren scheinen und erbarmungslos andere und damit sich selbst bloßstellen, nein, es sorgt auch für höchst bizarre Karrieren. Für einen zweiten, dritten, fünften Frühling, im grellen Licht von Social Media ausgeleuchtet bis zur Unkenntlichkeit, aber Hauptsache, es klickt gut.

Diese grassierende Influencerei hat auch den einzigen noch lebenden deutschen Altkanzler ereilt, einen Mann mit einem feinen Näschen für Macht und Mächtige, Memmen und Machos. Von Gerhard Schröder ist bekannt, dass er größeren Wert auf sein Äußeres legt, legte muss man wohl sagen, denn das Internet ist auch in diesem Fall erbarmungslos. Es zwingt einen, wirklich, es zwingt einen!! ärmellose Daunenwesten über nacktem Oberkörper zu tragen und sich dabei fotografieren zu lassen, während man breit lächelnd in einer Pfanne Gemüse anbrät. Ausgerechnet Gemüse: als hätte es Hillu nie gegeben, die, wie alle Welt weiß, den armen Gerd mit aller Gewalt zum Vegetarier machen wollte.

Für ihren Instagram-Account wird der Altkanzler permanent in Szene gesetzt

Auch seine aktuelle Ehefrau Soyeon, nur für die Statistik: es ist Frau Nummer fünf, hat Schröder ganz offensichtlich unter der Fuchtel. Für ihren Instagram-Account wird der Altkanzler permanent in Szene gesetzt: Schröder, ein Statist im eigenen Haus, man reibt sich die Augen. Ist das nun Altersmilde, Altersmüde oder ist es wirklich einfach Liebe!? Oder hat hier gar ein geborenes Model seine Berufung gefunden? Sogar das sakrosankte Schröder-Haar wird für ein Schnittbild missbraucht, keck wird angedeutet, dass die Frau dem Mann schon mal mit der Schere zuleibe rückt. Etwas Kontrolle aber hat Schröder dann wohl doch noch gerettet, sonst hätte man Ehefrau Soyeon vielleicht gar beim Färben der Schröder-Locken bewundern können – und eines der letzten Geheimnisse der Menschheit wäre gelüftet.

Aber wer weiß, was noch alles so angesagt ist, um die Insta-Gemeinde stantepede glücklich zu machen. Schröder jedenfalls trägt jetzt mal Daunenjacke samt Kochlöffel und Wildblumen, mal Kimono, bzw. die koreanische Variante in kurz. Leider hat Schröder-Kim noch kein Bild des Fußkleids gepostet: traditionell werden zum Kimono ja stegartige Holzsandalen getragen, eine Art High Heels, das käme dem recht kurz geratenen Gerhard sicher entgegen – und wird sicher bald auf Insta aufpoppen.

Worauf wir eher nicht warten, ist ein komplett Oberkörperfreies Alt-Kanzler-Bild – nach Freund-Putin Art russisch-toxisch-viril auf einem Mustang reitend oder was sonst noch so in den niedersächsischen Fluren herumgaloppiert. Dann doch lieber in Brioni auf einem Drachen. Das Internet macht ja doch die wunderlichsten Dinge möglich.


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