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Ende der Welt Debattenkultur

Ober sticht Unter, das is ja hinlänglich bekannt, ob beim Kartenspiel, im Beruf oder in der Politik. In Großbritannien sieht’s da ganz anders aus. Die haben nicht nur einen Linksverkehr, sondern da kann auch der Unter den Ober stechen. Eine Glosse von Helmut Schleich.

Von: Helmut Schleich

Stand: 14.12.2018

Diese Engländer, ha?

Dass sie uns jetzt seit zweieinhalb Jahren mit Brexit- Debatten bei Laune halten, daran haben wir uns ja gewöhnt. Aber WIE sie debattieren, das überrascht doch immer wieder aufs Neue.

Diese Woche hat im britischen Unterhaus ein Labour- Abgeordneter die Debatte dadurch unterbrochen, dass er den „Zeremonienstab“ aus dem Parlamentssaal getragen hat. Gut, der war nicht lange draußen, nur ein paar Sekunden, aber allein dass es einen royalen Zeremonienstab im Parlament gibt, ohne den nicht debattiert werden darf, das lässt und Deutsche aufhorchen. Man kann sich das in unserem Bundestag beim besten Willen nicht vorstellen.

Ja, ganz früher einmal, da hat es den Herbert Wehner gegeben im Bundestag. Von dem heißt’s, er hat in 34 Jahren keine Sitzung verpasst. Das könnte man vielleicht indirekt vergleichen mit diesem Zeremonienstab.

Aber die Briten haben ja noch viel mehr, was die Debattenkultur im Unterhaus in London so einzigartig macht. Zwischenrufe und Beifall sind verboten. Zwischen Regierungsfraktion und Opposition gibt es zwei rote Linien auf dem Boden, die keiner übertreten darf und die exakt eine Schwertlänge auseinander sind. Daran sieht man, dass die Briten einfach eine jahrhundertelange Erfahrung mit Demokratie haben. Andere Meinungen sind strikt zu respektieren! Zumindest so lange das Schwert nicht lang genug ist um kurzen Prozess zu machen. Wunderbar.

Oder dass das britische Unterhaus zwar 650 Abgeordnete hat, aber nur 427 Sitzplätze. Während wir uns in Deutschland mit Hingabe wahlweise über die gähnende Leere im Plenarsaal ereifern oder über die fehlenden Sitzplätze für die vielen Überhangmandate, habe die Briten ganz pragmatisch gehandelt. Den Raum einfach überbuchen und wenn der unwahrscheinliche Fall eintritt, dass wirklich alle, alle kommen, dann müssen halt welche stehen. Womöglich hat sich Ryanair sein Buchungssystem im Unterhaus in London abgeschaut. Von so viel demokratischer Weisheit sind wir in Deutschland noch Jahrhunderte entfernt. Zumindest in den Parlamenten.

Das Unterhaus in London hat ja in seinem Holz-Leder-Rustikal-Stil irgendwo auch was von einem Pub

Weil das Unterhaus in London hat ja in seinem Holz-Leder-Rustikal-Stil irgendwo auch was von einem Pub und da diskutiert sich’s ja bekanntlich am besten, beim Bier am Tresen. Womit wir beim Stammtisch wären, DER Keimzelle der politischen Willensbildung bei uns. Da fällt der Vergleich mit dem Unterhaus schon viel besser für uns aus.

Am Stammtisch wird auch nicht applaudiert, da ist es auch oft eng und wenn einer das „Stammtisch“- Schild vor die Türe trägt, dann ist die Debatte beendet. Und was politische Kompetenz angeht, da kann dem deutschen Stammtisch nicht einmal das britische Unterhaus das Wasser oder vielmehr das Bier reichen.

Eben alles eine Frage der Perspektive.


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