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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Das Nein der Nacht

Nachts geht es ab. In unseren Träumen reden wir viel Unverständliches. Und das, was dabei herauskommt, ist nichts für schwache Gemüter. Eine Glosse von Wolfram Schrag.

Von: Wolfram Schrag

Stand: 18.05.2021

Guten Morgen, wie haben Sie denn heute Nacht geschlafen. Ich hoffe, Sie waren entspannt, hatten süße Träume und sind nun bereit, der Welt entgegenzutreten. – Ach ja, Sie können sich nicht an Träume erinnern, und schon gar nicht an süße. Nun ja, soll vorkommen. Und was haben Sie in der Nacht so erzählt? Auch hier sind Sie ratlos. Nachts schlafen sie und sprechen nicht. Wenn Sie wüssten. Keine Sorge, das geht eigentlich allen so. Denn wenn Sie nicht gerade in einem Schlaflabor übernachtet haben, und wer will das schon, dann ist Ihnen möglicherweise nicht einmal bewusst, dass Sie in der Nacht was geredet haben.

Dank der französischen Gesellschaft für Schlafforschung sind wir nun ein wenig schlauer: 232 Probanden haben sich nämlich freiwillig in einem Schlaflabor aushorchen lassen. Dabei haben die Forscherinnen und Forscher jede Menge Wortfetzen herausgefiltert, genauer 883. Mehr als die Hälfte davon war unverständliches Gemurmel, Flüstern, manche haben auch gestöhnt, gelacht oder gar geweint. Die Nachtruhe ist alles andere als eine ruhige. Denn neben unverständlichem ist der Rest der Sprachfragmente ziemlich klar verständlich. Und er besteht aus kurzen Ausrufen und jede Menge Flüchen.

In der Nacht, so könnte man meinen, tobt der Wutbürger. Mit jeder Menge Fäkalsprache scheint er seine, nennen wir es mal so, Festplatte vom Tag zu reinigen. Flüche und weit schlimmeres platzen heraus. Und eigentlich nicht überraschend: Vor allem Männer lassen nachts die Sau raus. Die Nachtgespräche sind weit weg von jeder Korrektheit. Das zeigt sich auch beim „Du“, das an zweiter Stelle der Schlaf-Hitliste steht. In der Nacht fühlt sich Mensch wohl von jeder Ich-Botschaft befreit. Da heißt es dann nicht mehr. Schatz, ich denke, wir sollten mal wieder miteinander reden. Da heißt es dann nur noch. Du! Und überhaupt. Der absolute Spitzenreiter ist das „Nein“.

Und so schleichen wir uns noch ein wenig in ein paar Traumwelten ein

Wutbürger, Neinsager, Schimpfworte. Nein, die Nacht ist nichts für sanfte Gemüter, es regiert die dunkle Macht. Da kann es dann höchstens passieren, dass der Bettnachbar oder die Bettnachbarin irritiert oder erschreckt reagieren. Immerhin können Sie ganz entspannt sein. Selbst wenn Sie nicht wissen, was Sie da so vor sich hinreden: Sie sind in guter Gesellschaft. Und so schleichen wir uns noch ein wenig in ein paar Traumwelten ein und können uns gut vorstellen, dass am Ende meistens das Nein steht.

Träumt Armin Laschet von Annalena Baerbock: Nein! Nicht die, ich will doch Kanzler werden. Träumt Olaf Scholz von seinen Wählerinnen und Wählern: Oh, nein, wo sind sie denn? Christian Lindner träumt wahrscheinlich nur von sich selbst und murmelt im Schlaf unverständliche 11 Prozent. Karl Lauterbach träumt von den neuesten Inzidenzen. Oh nein, doch kein toller Sommer. Jens Spahn träumt nur jede dritte Nacht von jedem vierten Geimpften. Und die Wutbürgerinnen und Wutbürger. Denen kann man nur zurufen. Schlaft länger. Dann könnt ihr euer Nein in der Nacht auskotzen. Und braucht nicht jedes Mikro dazu am Tag.


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