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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Das Gehtempo verrät unser biologisches Alter

Verrät das Gehtempo unser biologisches Alter? Wer mit 45 eher langsam durchs Leben geht, ist körperlich und geistig schon mindestens 50, stellt eine aktuelle Studie fest. Bestimmt gibt es auch ein wissenschaftliches Gegenargument… Eine Glosse von Heinz Gorr.

Von: Heinz Gorr

Stand: 15.10.2019

Es war mit Sicherheit anders gemeint, als Charles de Gaulle am Anfang der deutsch-französischen Aussöhnung Konrad Adenauer mit der höflichen Frage begrüßte: "Wie gehen Sie?" Der Kanzler - so will es die historische Anekdote - antwortete wahrheitsgemäß und ohne Umschweife "zu Fuß!". Doch damals ging es nicht um korrekte Grammatik, vielmehr darum, dass man überhaupt geht, und zwar aufeinander zu. Schließlich war kurz davor noch Krieg - und leider sind viele hingegangen.

Wer sich im heutigen Alltagsleben umsieht, wo einen die Arbeit und der oft lange Weg dorthin zur mobilen Immobilität verdonnert und Sitzen als das neue Rauchen gilt, könnte davon ausgehen, dass jede Art von Bewegung an sich schon wertvoll und das Wie doch drittrangig ist. Angesichts der verbreiteten Sehnsucht nach Entschleunigung, nach weniger Stress und mehr Muße: Haben Sie es sich vielleicht durch den Kopf gehen lassen, dass Sie es künftig etwas ruhiger angehen lassen? Geht gar nicht! Ein No-Go! Oder wollen Sie vielleicht als früh gealtertes, prä-geriatrisches Individuum klassifiziert werden?

Ja, diese Gefahr besteht aufgrund der beunruhigenden Erkenntnisse einer US-amerikanischen Studie über den Zusammenhang von Gehtempo und biologischem Alter. Weit über die unwissenschaftlichen Rubriken des populären TV-Quizmasters Robert Lembke hinaus, der meinte: "Es gibt zwei Arten von Fußgängern - die schnellen und die toten", haben Forscher der Duke University den Gang von Mittvierzigern untersucht. Und zwar von Männern und Frauen, deren Schrittgeschwindigkeit und Gangart schon von Geburt an regelmäßig dokumentiert wurde. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Nicht nur, dass ein niedriges Tempo mit einem schlechteren physischen Zustand verbunden sei, stellten die Experten fest. Die menschliche Pace erlaube auch "Rückschlüsse auf die geistige Fitness sowie die Alterung des Gehirns." Langsamgeher hätten bei IQ-Tests im Schnitt immer hinter den flotten gelegen.

Der Kombinierer Inspektor Columbo hat auch nie mehr als zehn Schritte am Stück hingebracht

Schwelgerische Flaneure, Aristoteles und die antiken Peripatetiker mit ihrem Philosophieren im Umherwandeln, bedächtige Kombinierer wie Inspektor Columbo, der in sämtlichen Filmstaffeln nie mehr als zehn Schritte am Stück hinbrachte, ohne sich mit der rechten Hand an der Stirn zurückzuwenden: Waren das alles Trottel, frühvergreiste Unterbelichtete? Und sind die alerten, Dynamik simulierenden Geher*innen smarter als die anderen?

Wir gehen ins Archiv und finden eine Studie der Durham University von 2012, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Cognition. Probanden sollten den Gang von zwei Dutzend Menschen beurteilen und daraus auf deren Persönlichkeit schließen: Egal, ob es sich um Leute mit ausladendem oder betont entspanntem Gang handelte, lagen die Beobachter fast immer voll daneben, was die tatsächlichen Charaktere anging. Na also, geht doch!


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