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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Das Ei und die Politik

Vor genau 30 Jahren versuchte Helmut Kohl dem Eierwerfer von Halle persönlich die Schalen hinter den Ohren wegzupusten. Gut, dass es damals weder Twitter, noch Instagram gab, der Kanzler hätte glatt ein paar Hashtags umgerannt. Heutzutage sind Politiker aus Freihandhaltung ja etwas aus der Mode gekommen, die letzte Schlägerei im Bundestag liegt 71 Jahre zurück, aber die Geschichte der Salmonellen in der deutschen Streitkultur ist immer noch ungeschrieben. Eine Glosse von Peter Jungblut.

Von: Peter Jungblut

Stand: 10.05.2021

Na gut, auch Angela Merkel musste im Wahlkampf schon mal Eiern und Tomaten ausweichen, aber es ist doch schwer vorstellbar, dass sie ihre berühmte Raute um den Hals eines Gegendemonstranten legt und zudrückt. Es ist ihr eher zuzutrauen, dass sie Schreihälse und Raufbolde solange mit Statistiken kitzelt, bis sie nach Luft schnappen. Vielleicht zieht sie auch die Notbremse, wenn die gerade mit einem heißen Kaffee über die Straße wollen. Oder sie versucht zu lächeln, was ja schon bei Friedrich Merz und Donald Trump bleibende Schäden hinterlassen hat.

Da war ihr Vorgänger Helmut Kohl deutlich impulsiver, er ging ja heute vor genau dreißig Jahren auf den sogenannten Eierwerfer von Halle los und hätte dem damals 21-jährigen Juso vermutlich auch sämtliche Schalen hinter den Ohren weggepustet, wenn die Sicherheitsbeamten nicht dazwischen gegangen wären. So blieb es dann bei verdotterten Zuschauern und schaumig geschlagenen Zeitungsartikeln.

Gut, dass Twitter und Instagram damals noch nicht erfunden waren, dagegen helfen bekanntlich keine Absperrgitter, und Helmut Kohl hätte glatt ein paar Hashtags überrannt. Und der Eierwerfer kann heilfroh sein, dass der Kanzler ihm nicht das ungekürzte Rezept für den Pfälzer Saumagen unter die Nase gehalten hat. Dass hätte den Juso auf Jahre hinaus an den Blattsalat gefesselt, und wer weiß, ob er heute den Anblick von Fleisch ertragen könnte.

Nun wissen wir in Bayern natürlich, dass alle großen historischen Kämpfe mit dem mehr oder weniger feierlichen Austausch von Eiern enden, sonst hätte Kaiser Ludwig der Bayer nach der Schlacht von Mühldorf im Jahr 1322 nicht welche verteilen lassen. Allerdings wurden sie gegessen, nicht geworfen, was bei den Kühlbedingungen des Mittelalters mutmaßlich mehr Schaden angerichtet hat. Die Geschichte der Salmonellen in der deutschen Streitkultur wurde ja leider noch nicht geschrieben. Wie auch immer, damals wurden die Eier und die Menschen noch mit einem Schlag aus der Schale gehauen, und die Sache war erledigt. Heute geht ja über jeder Meinungsverschiedenheit gleich ein Soufflé auf, das im Nu ganze Chaträume übersteigt und leider auch oft vorzeitig bräunt, außer, die Diskussion fällt vorher in sich zusammen.

Aber das ist alles Eischnee von vorgestern

Hätte Helmut Kohl alles nicht verstanden, er legte reichlich, vor allem keinen Streit bei. Deshalb war sein Verhältnis zu Franz-Josef Strauß ja auch eher oval als rund. Aber das ist alles Eischnee von vorgestern.

Kaum vorstellbar, dass sich Annalena Baerbock, Armin Laschet oder Olaf Scholz irgendeinen Demonstranten aus der Menge herauspicken. Politiker aus Freihandhaltung sind ja völlig aus der Mode gekommen und die letzte Schlägerei im Bundestag liegt 71 Jahre zurück, auch wenn die Hunde auf Alexander Gaulands Krawatte immer noch Wache halten.

Protestierer werfen heutzutage außerdem Überraschungseier, nicht auf den Anzug, sondern aufs Netz-Profil. Und da gehen sie garantiert nicht mehr raus, nicht mal mit Gallseife – höchstens mit Facebook!


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