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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Das Abflussrohr des Präsidenten

Twitter hat herausgefunden, dass Donald Trump Fake-News verbreitet. Bemerkenswert – nach 16.000 Tweet-Lügen. Eine Glosse von Michael Zametzer.

Von: Michael Zametzer

Stand: 28.05.2020

Das Ding ist nur ein Ding. Es ist trägt keine Schuld in sich. Und keine Verantwortung. Beispiel Atombombe: Könnten wir so eine Atombombe fragen, was sie sich denn bitteschön bei der Verdampfung von Millionen Lebewesen denkt – dann würde die Bombe völlig zu Recht und aus dem urangeschwängerten Brustton der Überzeugung sagen: Hey, ich kann nichts dafür. Ich bin nur das Ding. Von Menschenhand erschaffen. Und den Knopf drückt auch der Mensch. Sorry. Bumm.

Anderes Beispiel, lebensnäher: Ist dem Abflussrohr irgendein Vorwurf zu machen, dass kein Chateau Neuf du Pape durchrauscht, sondern nur eine übelriechende Brühe aus Exkrementen?

Sehen Sie – und schon sind wir bei Donald Trump. Beziehungsweise bei seinem Lieblingsabflussrohr: Twitter. Gut, der Kurznachrichtendienst versteht sich selbst ja eher als Sprachrohr – im Falle Trumps macht das aber keinen Unterschied. Twitter ermöglichte es dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Hillary Clinton ungestraft „a skank“ – so viel wie eine „Nutte“ zu nennen und einen missliebigen TV-Moderator völlig unbegründet des Mordes zu beschuldigen. Und Twitter so: Hey, no offence, ich bin nur das Abfluss- äh Sprachrohr. Das Ding ist nur das Ding, remember?

Nun aber hat sich Twitter seiner Verantwortung gegenüber der Weltöffentlichkeit besonnen. Die schrägen Vögel aus dem Silikontal haben sich selbst vor zwei Wochen eine härtere Gangart bei Fake-News verordnet. Eigenverantwortung und so. Und warum? Wegen Trump? Nein. Meinungsfreiheit, remember? Sondern vor allem, um die vielen Corona-Unwahrheiten einzudämmen, die gerade rumgezwitschert werden.

Und jetzt kommt die Sensation

Und jetzt kommt die Sensation: Bei der Suche nach Fake-News ist ihnen jetzt ein Trump-Tweet ins Fake-News-Netz gegangen. Als Beifang, sozusagen. Also her mit dem Großen Faktencheck. Etwa zur Ehrenrettung Hillary Clintons? Nein. Oder zu den unhaltbaren Mordbehauptungen? Never. Meinungsfreiheit, remember?

Trump hat in einem Tweet behauptet, dass Briefwahlen zu vermehrtem Wahlbetrug führen. Stimmt aber nicht. Das ist das Ergebnis eines Faktenchecks von New York Times und Washington Post - auf den der verblüffte Trump-Follower jetzt stößt, wenn er liest, was sein stabiles Genie da wieder behauptet hat.

Das Ding ist nur ein Ding. Und Twitter nur ein Kurznachrichtendienst, der Donald Trump erlaubt hat, 16.000 Lügen zu verbreiten. Aber hey, eine Lüge ist aus der Welt geräumt! Danke, Twitter! Bleiben noch 15.999 weitere. Also ranhalten.


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