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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Ausreden wie früher

Ist schon komisch, wenn man früher, als Jugendlicher, nicht zur vereinbarten Zeit zu Hause war gab es Ärger, dann ist man endlich Erwachsen und denkt man hat diese Zeiten hinter sich und dann… wieder Ärger. Eine Glosse von Susanne Rohrer.

Von: Susanne Rohrer

Stand: 13.01.2021

Ich sehe ihn förmlich vor mir stehen, meinen Vater, in der offenen Türe, mit diesem Blick, den Du als Teenager nur allzu gut kennst, diesem vorwurfsvollen Blick auf die Uhr und dem Satz: „Fräulein, 21 Uhr war ausgemacht – jetzt ist es viertel nach neun!“ Natürlich waren wir alle mehr oder weniger gut vorbereitet auf diesen Satz. Zu den Top fünf der Ausreden gehörten so originelle Repliken wie „mein Rad hatte nen Platten“ – das ging natürlich nicht allzu oft, weil sonst kam man ja gar nicht mehr von zuhause weg-  „meine Uhr ist stehengeblieben“, „die Telefonzelle war kaputt“ und „wir haben noch Hausaufgaben gemacht und die Zeit übersehen“ – ach, nicht zu vergessen: „die Sonne ging so früh unter“.

Mein Freund Christian ging derlei Begegnungen aus dem Weg, in dem er über die Rosenleiter in sein Zimmer einstieg – aber all das wäre eigentlich Geschichte – nicht nur, weil die Rosenleiter ihn heute nicht mehr tragen würde..

Heute steht keiner mehr VOR der Haustür, heute steht jemand neben Deinem Auto. Um 21 Uhr 15. „Fräulein“ sagt er eher selten und Hausarrest wäre das günstigste Strafmaß. Und die originellen Repliken…kannst Du komplett vergessen. Gibt ja gar keine Telefonzellen mehr.

Ich träume jetzt in letzter Zeit viel. Gestern zum Beispiel lag auf meinem Beifahrersitz eine Hundeleine und ich höre mich sagen: „ja, es ist viertel nach neun, aber ich suche meinen Hund. Es ist ein Coton de Tulear, wissen Sie, die kommen ursprünglich aus Madagaskar, also meiner natürlich nicht, den haben wir von einem Züchter hier. Aufgeweckt und abenteuerlustig sei er, hat er gesagt – und jetzt sehen Sie, was ich davon habe. Ja, weiß, so flauschig, haart aber übrigens nicht. Sieht bisschen aus wie eine Schneekugel und da haben wir den Salat. Wie soll ich den gerade jetzt so schnell finden? Die Antwort hat wohl mein Wecker verhindert.

Heute Nacht – ein neuer Traum

Heute Nacht – ein neuer Traum. Wieder hab ich das Autofenster geöffnet, aber die Hundeleine war weg. Diesmal sage ich: Ach herrje, wirklich schon viertel nach? Die Verzögerung ist schnell erklärt. Ich wollte nur das Weihnachtsgeschenk meines Mannes einlösen und konnte mich nicht entscheiden – bei unserem Kunsthändler. Beuys oder Warhol, das ist doch die Frage. Der Beuys, also das hätten Sie sehen sollen, stockfleckig und auch noch Bereibungen, ja genau, Kratzer – auf dem Blatt. Und der Warhol sah im Angebot auch anders aus. Der hatte so ein frisches Magenta mit lindgrün und goldgelb. Und im Original? Von wegen magenta, das war ein blassrosa, so ein, also ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen den Farbton beschreiben soll…was würden Sie mir raten? Hausaufgaben, sagt der Mann am Autofenster, machen Sie Ihre Hausaufgaben! Was? Ich schrecke hoch – ach – so ein Glück – aus der Traum - es ist ja erst halb…neun.


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